Retrospektive

Momente des Glücks: Filme von Sergey Dvortsevoy

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Wenn einem Filmemacher aus Kasachstan hierzulande die Ehre einer Werkschau zuteil wird, muss er Außergewöhnliches geleistet haben, denn seit Jahrzehnten haben so gut wie keine zentralasiatischen Arbeiten ihren Weg vom Kaspischen Meer nach Wien gefunden. Das liegt nicht an fehlender Qualität, sondern an schlechter Vermarktbarkeit. Insofern ist die Freude darüber, dass Sergey Dvortsevoy vor zwei Jahren mit seinem ersten Langfilm international reüssierte, eine doppelte: Mit „Tulpan“ hat ein tatsächlich außergewöhnlicher Film einen österreichischen Verleih gefunden, und die frühen Arbeiten Dvortsevoys – allesamt beeindruckende und zugleich wunderbar poetische Alltagsstudien – finden sich überdies in der Retrospektive „Der Moment des Glücks“.

So betrachtet passt es wiederum, dass diese Glücksmomente immer mit Warten und Ausharren verbunden sind: Nomadische Schafhirten trotzen einer unwirtlichen Hochebene ein karges Dasein ab („Paradise“, 1995); ein Eisenbahnwaggon liefert eine Ladung Brot in ein kleines Dorf nahe St. Petersburg („Bread Day“, 1998); eine Zirkusfamilie tingelt mit improvisierten Auftritten quer durch Kasachstan („Highway“, 1999); ein alter, blinder Mann wartet in seiner kleinen Moskauer Wohnung auf den Frühling („In the Dark“, 2004). Und auch über „Tulpan“, der von den unglücklichen Versuchen eines jungen Mannes erzählt, mitten in der kasachischen Steppe eine Frau zu heiraten und sich damit eine Schafherde und ein Überleben zu sichern, legt sich ein Gefühl der Endlosigkeit. Der Mensch, das Tier, Leben und Sterben: Das Kino des Sergey Dvortsevoy, das die Trennung zwischen Fiktion und Dokumentation bewusst übersieht, findet sich verdichtet in diesen existenziellen Augenblicken. Höchste Empfehlung!

Filmcasino, 4. bis 6.3. (OmenglU), in Anwesenheit des Filmemachers

„Tulpan“ startet am Fr regulär in den Kinos (OmU im Filmcasino)


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