Theater Kritik

dramagraz: Kukuruz mit Totentrompeten

Steiermark | Hermann Götz | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Es ist ein sehr steirisches Wort, nicht zuletzt, weil es aus dem Serbischen stammt: „Kukuruz“. Der Krieg, von dem in Ernst M. Binders neuem Stück erzählt wird, könnte der Jugoslawienkrieg sein, ein Weltkrieg oder ein ganz anderer. Es ist ohnehin, wie Binder seinen Protagonisten Josef (Rudi Widerhofer) sagen lässt, eher das Leben, das die Menschen versehrt: Wer es annimmt, die Beine breitmacht, um zu zeugen, zu gebären, verstrickt sich in eine Schuld, deren Ausdruck (nicht deren Ursache) das Morden ist. Das erste Bild ist ein stummes. Und erzählt das halbe Stück. Eine Alte (Werner Halbedl) schält Erdäpfel: die Frucht, die im Dunkel aus vermodernden Knollen wächst, braune Kriegskost, die aus dem Acker gewühlt wird. Tod und Leben sind ineinander verschränkt, unklar, welches der größere Fluch.

Ernst M. Binder erzählt einen dunklen Heimatroman, in dem Liebende sich im Heu erkennen oder im Kukuruz-Feld, in dem der Heimkehrer Josef sein Weib Marie (Ninja Reichert) findet, liiert mit seinem besten Freund Andres (Phillip Kramer), beide tötet und sich selbst das Leben nimmt. Doch all das ist nur ein Rahmen für das eigentliche Thema: den Tod, das Sterben. Und die Liebe. Ein verstimmtes Klavier auf der Bühne schwingt mit dem Text, als wollte es Rilkes „Liebes Lied“ zitieren, Binders Marie ist dem Woyzeck entstiegen, nur ist sie eine Wissende geworden. Eine, die den Tod bereits erkannt hat. Ernst M. Binder, in dessen Metaphernwelt der Schoß der Frau und der Mund, der Worte gebiert, gerne dasselbe bedeuten, hat (wieder) ein Stück über das Verstummen geschrieben. Einen eindrucksvollen Text, in dem selbst die Sätze versickern, bevor sie zu Ende sind.

dramagraz, Fr, Sa 20.00

echoraum, Wien, Mi, Do 20.00 (bis 13.3.)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige