Tanz Kritik

„Nomaden“: engagiertes Plädoyer für Nicht-Sesshafte

Steiermark | Ingrid Türk-Chlapek | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Darrel Toulons Tanzstück „Nomaden“ an der Grazer Oper besticht durch kluge Dramaturgie – kein unnötiger Firlefanz, keine zerbröselte Story, sondern ein schlüssiger, zweiteiliger Abend. Teil eins spielt in der Wartehalle eines schicken Flughafens, wo Business-Menschen in grauem Geschäftsoutfit und mit schwarzen Trolleys auf ihre verspäteten Anschlüsse warten. Geschickt filtert Toulon abstrakte Bewegungssequenzen aus kulturell codierter Gestik und Körperhaltung. Tänze aus gelangweilten Sitzposen oder frechem Vordrängeln in der Wartschlange wechseln sich ab mit Soli über unerfüllte Sehnsucht nach Zärtlichkeit oder die Vorfreude auf eine baldige Heirat zu Hause.

Ganz anders Teil zwei rund um eine Gruppe erschöpfter Asylsuchender an einem Bahnhof. Die nackte Körperlichkeit dieser Menschen, die vom vagen Ziel eines besseren Lebens getrieben werden, stellt Toulon schonungslos aus. Tänzerinnen in Unterwäsche wecken Assoziationen zu Menschenhandel, Tänzer mit nackten Oberkörpern verweisen auf miese Arbeitsbedingungen im zukünftigen Gastland. Den rohen Alltag übersetzt Toulon in eine rasante Choreografie für sein hochkarätiges, 17-köpfiges Ensemble, als könne nur überleben, wer ohne Unterbrechung tanzt. Alfred Peters mobiles Bühnenbild verräumlicht das Geschehen einfühlsam. Souverän dirigiert Tecwyn Evans die Musik von Johann Sebastian Bach, dessen Kantaten dem Tanzstück eine Extraportion spiritueller Tiefe verleihen. „Nomaden“ ist weder Schocker noch Weichspüler, sondern respektvoller Spiegel gegenwärtiger Entwicklungen.

Oper Graz, Sa 19.30 (bis 22.5.)


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