Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die beste Ausstellungsarchitektur der Welt der Woche

Feuilleton | Jan Tabor | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Wellen von Bildern ziehen vorüber

Gerhard Roth fotografiert permanent, und dabei wird ihm die Welt nicht kleiner, sondern größer. So groß, dass man sie vor lauter Bildern kaum mehr sieht. Das kann passieren. Hingegen vermögen diese Mengen der fast gleichen Bilder des Schriftstellers Roth einen wichtigen Satz von Karl Marx vortrefflich zu illustrieren: Bei Umgang mit Massen komme es darauf an, jenen Punkt zu erreichen, in dem Quantität in Qualität umschlägt. Diesen begehrenswerten Punkt haben nun – in der gemeinsamen Bestrebung, mit der Roth’schen Bilderflut fertig zu werden – die Kuratorin Susanne Winkler und der Architekt Michael Wallraff im Wien Museum erreicht.

Die Ausstellung ist ein Wunderblock: Obwohl die Fotos auch in großen Massen banal bleiben und auch das Ausstellungsthema (das „unsichtbare Wien“ – also jenes für nekro- und monarchophile Touristen) langweilig bleibt, ist die Ausstellung selbst genau das Gegenteil: spannend, lebendig, witzig und, ja, sogar lehrreich.

Die Gestaltung ist denkbar einfach: Bilder, Bank und Belegstücke aus dem musealen Fundus. Eine schwebende Wand aus durchsichtigen, mit Taschen versehenen Folien, in denen thematisch ausgewählte Aufnahmen eingesteckt sind – so wie in einem riesigen Album. Schreitet man die auf beiden Seiten mit Bildstrecken reichlich bestückte Wand ab, dann stellt sich vielleicht die Illusion eines Kinogangs ein. Setzt man sich auf die 30 Meter lange grüngestrichene Bank, dann stellt sich mit ein wenig Fantasieanstrengung eine hübsche Fata Morgana ein: Man sitzt im Grünen, am Ufer eines bunten Bilderflusses, und schaut zu, wie eine Welle nach der anderen vorbeizieht, den Archiven der Ewigkeit entgegen.

Ein Illusionstheater sondergleichen, diese Schau. Sie würde funktionieren, auch wenn sie mit beliebig anderen Bildern bestückt wäre, vorausgesetzt, es sind deren viele. Winkler und Wallraff haben den Philosophen Marx aufgewertet und den Fotografen Roth rehabilitiert – eine beachtliche Leistung!


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