5 Dirigenten, 1 Orchester & Haydn von früh bis spät

Feuilleton | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Die Wiener Philharmoniker gründen ein eigenes CD-Label und stellen sich selbst dem Interpretationsvergleich

Rezension: Carsten Fastner

Es ist ein bisschen so, als risse plötzlich jemand die schweren Samtvorhänge beiseite, als würde ein abgedunkelter Raum mit einem Mal von goldenem Sonnenlicht durchflutet.

Das liegt vor allem am kontrastreichen Tonartenwechsel vom schattierten B-Dur zum strahlend festlichen D-Dur. Es liegt aber gewiss auch am Wechsel von Franz Welser-Möst zu Pierre Boulez am Pult der Wiener Philharmoniker.

Dabei leiten beide Dirigenten das Orchester sogar durch eng verwandte Werke desselben Komponisten. Mit den „Londoner Sinfonien“ Nr. 98 und 104 endet eine neue Kompilation, auf der die Wiener sieben Sinfonien Joseph Haydns unter fünf verschiedenen Dirigenten präsentieren. Und man kann es durchaus als Pointe begreifen, dass der französische Avantgardist dabei den luziden Schluss-, wenn nicht Höhepunkt setzt.

Nein, es wäre ungerecht, von einem Höhepunkt zu sprechen angesichts dieser Vielfalt an ästhetischen Positionen, die freilich stets die Charakteristik des Orchesters bewahren: Christoph von Dohnányi eröffnet konzentriert mit Haydns unkonventioneller Sinfonie Nr. 12. Zubin Mehta breitet die Nr. 22 in altmeisterlichem Schönklang aus. Franz Welser-Möst, der erfahrene Kirchenmusiker, nimmt sich neben der Nr. 98 auch der sakralen Nr. 26 an. Und Nikolaus Harnoncourt setzt in den Sinfonien 93 und 103 nicht nur auf pointierte Klangrede, sondern hält auch selbst eine anekdotische Ansprache.

Alexander Steinberger, selbst philharmonischer Geiger, hat die zwischen 1972 und 2009 entstandenen Konzertmitschnitte zusammengestellt – und eröffnet damit nicht nur das neue orchestereigene Label, sondern auch die Möglichkeit zu interessanten Interpretationsvergleichen.

Wiener Philharmoniker: Haydn

(3 CDs, Vienna Philharmonic Records / Gramola)


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