Stadtrand

Urbanismuskolumne

Stadtleben | Joseph Gepp | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Wiener Semiotik für weit Fortgeschrittene

Touristen durch die Stadt zu führen hat geradezu bewusstseinserweiternde Konsequenzen. Denn dann nimmt man zweckfrei wahr, was die interesselose Betrachtung fördert, die ja nach Kant der Kern aller Ästhetik ist. Also kriegt der deutsche Gast tagesmarschgegliedert all die Schönheiten des Alpenrandstädtchens vorgeführt – bis zu einer Digitalanzeige über einer Straßenbahnstation am Alsergrund, die ihn sichtlich irritiert. „Was ist denn das?“ Er deutet auf eine Art Piktogramm neben der Schrift. Der einheimische Reiseleiter hat zu seiner Schande nicht die geringste Ahnung, was das Zeichen bedeuten könnte. Es ist ein konisch-buckliges Gebilde, halb Alf, halb E.T., halb H.P. Lovecraft, halb Stephen King. Wir beschließen schon, das letzte Geheimnis Wiens ungelüftet zu lassen; da meldet sich ein Passant zu Wort. „Das ist ein Rollstuhl“, sagt er grinsend, „hochaufgelöst.“ Etwaige Rollstuhlfahrer wissen also mittels dieses Zeichens, dass sie keine halsbrecherischen Stufen von der nächsten Bim trennen. Wenn sie sich denn in dem bizarren kleinen Bild wiederfinden.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige