Doris Knecht

Lass uns im Haus am See Freunde bleiben

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Am Tag danach fühlte ich mich wie eine Frau, die nachts zuvor gegen zwei Uhr früh vor der total angesagten Bar 3 in der Linienstraße einen Schwächeanfall erlitten hatte. Immerhin in einem Winkel, in dem ich von Rainald Goetz, der inwendig Bier trank, dabei nicht beobachtet werden konnte. Reverend Tobi Müller sah mich auch nicht, Herr Daniel Schreiber, ein attraktiver Kolumnistenkollege von der Zeitschrift Cicero, hatte die Lokalität dankenswerterweise bereits früher verlassen, sodass er nicht Zeuge des nachlassenden Stehvermögens der Wiener Kreativwirtschaft wurde. Wobei: Anna stand noch.

Ich hatte aber, das kann ich reinen Gewissens notieren, den ganzen Abend nur fünf Weißweinschorlen konsumiert, es lag also nicht daran, dass ich die 14-tägige Phase des selbstgewählten Temperenzlertums mit einem krachenden Exzess beendet hätte. Nein, ich hatte sogar den Hauptteil des besagten Abends in einer feuilletonistisch wertvollen Kulturveranstaltung verbracht und bin jetzt auch Pollesch-Fan. Womit ich mich zugegebenermaßen nicht als Trendsetterin ausweise, denn ohne Zweifel bin ich hiermit der letzte Pollesch-Fan im deutschsprachigen Kulturraum. Alle anderen waren es schon längst, auch Schreiber, mit dem ich bei der anschließenden Nachbesprechung ein bilaterales Erwähnungsabkommen verabschiedete, das ich von meiner Seite als erfüllt betrachte. Ich war – erwähnte ich das schon? – mit Anna in Berlin und wurde postpollesch von einheimischen Szenewizards in die Karl-Marx-Allee und dort in eine der angesagten Lokalitäten geführt.

Das Etablissement nannte sich Freitagsküche und es hieß, der angesagte Münchner Künstler Björn Dahlem koche diesen Abend dort öffentlich, aber als wir hinkamen, wurden wir nur Zeugen des Auftritts eines derart jammervollen Sängers, dass er in Wien auch in einer sehr viel weniger angesagten Lokalität binnen Minuten unter Androhung schwerer Faustwatschen der Bühne verwiesen worden wäre. Dort wurde er enthusiastisch akklamiert, aber in Wien ist ja auch das Showkochen noch immer out. Berlin und Wien, das lässt sich allerdings irgendwie sowieso nicht vergleichen. Zum Beispiel malen wir in Wien ein Lokal frisch aus, bevor wir es eröffnen, und kratzen nicht, wie in Berlin, den schönen Putz von den Wänden, legen alle Leitungen frei und picken sie mit Gaffa an der Wand fest, damit es mittiger ausschaut. Und wir geben dem Lokal dann auch keinen Namen wie „Kauf dich glücklich“, „Mädchenitaliener“ oder „Lass uns Freunde bleiben“ wie in Mitte und spielen dann ausschließlich Radio-Wien-Musik. Wann haben Sie das letzte Mal Billy Joel gehört? Ich am Sonntag, in einem neuen Mitte-Lokal mit abgeschrabbelten Wänden, das „Mein Haus am See“ heißt. Uncool ist das neue Cool. Wir Wiener können von den Berlinern noch viel lernen.

Wir gingen dann in die Bar 3 und hörten Carly Simon, schön war’s. Rainald Goetz ist sehr klein.


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