Fragen Sie Frau Andrea

Tandler, Rostra, Wegenull und Weltnabel

Kolumnen | aus FALTER 09/10 vom 03.03.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

gerade fiel mir am Ring ein D-Wagen auf, der damit beschriftet war, kein Weg führe am Shop eines Mobilfunkbetreibers am Julius-Tandler-Platz vorbei (es war Reklame!). Ist das nicht seltsam: Wenn an etwas kein Weg vorbeiführt, dann kommt man ja nicht hin! Woher stammt der Spruch, und wer zu Hölle war Julius Tandler?

Ihr Kurt Bogen, Wien 15, per Elektronachricht

Lieber Kurt,

Julius Tandler, gebürtiger Iglauer, war Anatom, Arzt, sozialdemokratischer Gesundheitspolitiker, Universitätsprofessor und Freimaurer. Ihm verdankte das weltberühmte Rote Wien soziale Einrichtungen wie Kindergärten und Mütterberatung, dutzende Parks und Bäder und das Praterstadion. Der Hauptplatz am Althangrund, der spätere Althanplatz, ist nach ihm benannt. Tandler starb, von Austrofaschismus und Nationalsozialismus vertrieben, 1936 in Moskau – als Berater für Spitalsreformen.

Die werbetechnische Verwirrung, die Sie in meine Kolumne geführt hat, mag davon kommen, dass sich der erwähnte Mobilfunkerspruch einer doppelten Negation bedient. Wenn kein Weg vorbeiführt, bedeutet das nicht, dass es keinen Weg gibt, sondern simpel, dass es unter den existierenden keinen gibt, der daran vorbeiführt. Die logische Konsequenz dieser semantischen Unschärfe ist der Schluss, dass alle Wege hinführen. Orte, die sich dessen rühmen, vergleichen diese Exklusivität mit jener des antiken Rom. Ist doch die ewige Stadt für die sprichwörtlich gewordene Tatsache bekannt, dass alle Wege zu ihr führen. Genauer gesagt führen alle Wege zum Milliarium Aureum, einer vergoldeten Säule, die rechts neben der römischen Rednertribüne, „der Rostra“, stand. Alle Entfernungen im Imperium wurden von diesem goldenen Meilenstein aus gemessen.

Bizarrerweise befand sich der Mittelpunkt der Welt, der Umbilicus Urbis, der Nabel der Stadt (und damit auch Mittelpunkt von Imperium und Welt), auf der anderen Seite der Rostra. Das konusförmige Monument war der Mundus – jene Stelle, an der sich Oberwelt und Unterwelt berühren. Der Satz „Tous chemins vont à Rome“, alle Wege führen nach Rom, gelangte durch Jean de La Fontaine zu Voltaire, der das Zitat in einem Brief verwendete. Lange vor der Korruption durch österreichische Mobilfunkwerber.


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