Kritik

Vereint im Geiste des Widerstands

Lexikon | aus FALTER 10/10 vom 10.03.2010

Tropicália: eine Revolution in Musik, bildender Kunst, Theater und Kino, die auch auf Werbung, Mode und TV tiefgreifende Auswirkungen hatte. In den späten 60ern gegen die Militärdiktatur in Brasilien gerichtet, erhielt sie ihren Namen dank einer Arbeit von Hélio Oiticica. 1967 schuf der Künstler die auf Sand und Kiesel begehbare Installation mit Strandhütten, Tropenpflanzen und Papageienkäfig. In der Ausstellung „Tropicália – die 60s in Brasilien“ zählt sie zu den Schlüsselwerken.

Die Schau setzt bei der musikalischen Sprengkraft dieser Strömung an. Musiker wie Gilberto Gil und Caetano Veloso verbanden den Samba mit der E-Gitarre, kamen dafür ins Gefängnis, gingen später ins Exil.

Dass die Tropicália in der bildenden Kunst keinen spezifischen Stil generierte, sondern vielmehr als Netzwerk unterschiedlicher Protagonisten verstanden werden muss, illustriert die Ausstellung ebenso gut wie sie deren Weiterwirken im Schaffen jüngerer Künstler verdeutlicht.

Am radikalsten reagierte Artur Barrio gegen die Machtverhältnisse: In blutgetränkten Stoffbündeln verteilte er Fleisch und Innereien im öffentlichen Raum. Cildo Meireles bedruckte Coca-Cola-Flaschen mit antiamerikanischen Slogans, Augusto und Haroldo de Campos verschrieben sich der Konkreten Poesie. Die sinnliche Qualität von Lygia Papes mit färbigem Wasser befüllten Schüsseln hallt in Ernesto Netos (*1964) raumgreifender Duftinstallation nach. Und mit Glauber Rocha wird auf den wichtigsten Vertreter des Cinema Novo verwiesen.

Das Aufbegehren der Tropicália, so wird klar, war nicht nur ein politisch explizites. Auch über formalästhetische Versuche sollte der Protest vorangetrieben werden. MJ

Kunsthalle Wien, bis 2.5.


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