Neu im Kino

Vergelt’s Gott: Mel Gibson zurück im „Auftrag Rache“

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 10/10 vom 10.03.2010

Hier wird viel getrauert: Ein Bostoner Kriminalpolizist Mitte 50 zerbricht fast am Verlust seiner Tochter, die vor seinen Augen einem Attentat zum Opfer fiel. Wie er mit der Toten Zwiesprache hält, ihr zuruft, dass er das alles nicht packen wird, wie er, die Hose hochgekrempelt, betroppezt ins Meer watschelt, um mit wulstigen Pranken ihre Asche zu verstreuen, das ist stellenweise berührend.

Doch der Appell ans Mittrauern dient dazu, ein Ausnahmerecht sakrosankt zu machen: Bei den Nachforschungen zu dem Mord tut der Cop-Vater das offenbar Nötige und Richtige, droht, prügelt und schießt brutal drauflos. Weil der Verschwörungsplot farblos bleibt, sticht die Art, wie der Film strafende Gewalt als ethisch nobel hinstellt und auch da auf unser Mitfühlen setzt, umso unguter hervor. Ein Rachefeldzug gerät zum Kreuzzug: Daddys Trauerrituale münden in Reliquienkult und ein jenseitsgläubiges Ende. Den Cop mit dem ins Bild baumelnden Kruzifix am faltigen Hals spielt Mel Gibson, Christ aus Passion, ein wehrhafter noch dazu. Regie führt Martin Campbell, der mit „Casino Royal“ James Bond neu erfand – als einen, der dadurch „komplett“ wird, dass sein Trauma ihn zum Rächer macht.

„Auftrag Rache“, im Original „Edge of Darkness“, basiert auf einer BBC-Serie von 1985 und wirkt so verbraucht wie sein auf die Leinwand zurückgekehrter Star: Mit dem Geist der Rache, jenem Schmerz- und Ressentimentschmäh, den Gibson als Darsteller und Bibelausleger so oft kultiviert hat, geht heute jeder dritte Mainstreamfilm hausieren. Alles, auch das Kino, ist nach rechts gerückt: Heute ist St. Rache politische Erfolgsmarke, da fällt ein alter Ritter der Heiligen Vergeltung kaum mehr auf, und antisemitischer als die Aschermittwochsrede eines Wirtschaftskammerpräsis ist er auch nicht.

Ab Fr in den Kinos


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