Neu im Kino

Philosophie monumental: „Ágora“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 10/10 vom 10.03.2010

Wie schwarze Ameisen wuseln die flüchtenden Christen über den Marktplatz von Alexandria. Die Heiden haben zum Schwert gegriffen, um die Beleidigungen ihrer Götter zu sühnen. Doch bald wendet sich das Blatt, denn im Jahr 391 n. Chr. ist das Christentum bereits Staatsreligion im Römischen Reich: Die Christen schlagen buchstäblich zurück und treiben die multiethnische Hafenstadt in einen Bürgerkrieg, vor dem auch die Lehrerin und Astronomin Hypatia (Rachel Weisz) sich nicht länger im heidnischen Tempel und im Elfenbeinturm der Wissenschaften verschanzen kann.

Alejandro Amenábar („Mar Adentro“, „The Others“) hat mit „Ágora“ einen Philosophen-Monumentalfilm gedreht, in dem die Welt sinnigerweise oft mit dem Auge Gottes betrachtet wird, weil einerseits Hypatia von Alexandria sich, historisch verbürgt, ganz der Erkundung des Sonnensystems widmete, andererseits, weil dadurch das Treiben der Menschheit noch sinnloser erscheinen soll. Dieser Perspektive steht jene Amenábars gegenüber, der die Ursache von Konflikten zwischen Christen, Juden und Heiden auf kollektive Grausamkeiten und individuelle Schwächen herunterbricht und damit einen ziemlich eingeschränkten Horizont an den Tag legt.

Der angeblich unüberbrückbare Widerspruch von Glaube und Vernunft findet hier seinen vermeintlichen historischen Beweis, der nur leider nicht so einfach zu erbringen ist wie jener des heliozentrischen Weltbilds. Und während Hypatia, die den liebenden Präfekten ebenso zurückweist wie den entlassenen Sklaven, zur Märtyrerin der Aufklärung wird, rennen die fundamentalistischen, schwarz gewandeten Christen-Ameisen schnurstracks ins wohlverdiente Mittelalter. Das katholische Branchenblatt film-dienst nennt das übrigens „tief empfundene Liebe zur aufklärerischen Vernunft“.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis)


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