Neu im Kino

Wie ich lernte, Bomben zu lieben: „The Hurt Locker“

Lexikon | aus FALTER 10/10 vom 10.03.2010

Der Originaltitel „The Hurt Locker“ beschwört das Bild eines „Schmerzensspinds“; die Synchronfassung macht daraus ein „Tödliches Kommando“. Nun, um ein solches geht es beim Einsatz eines Bombenentschärfungsteams der US Army in Bagdad. Der Irakkrieg also. Zu dessen Gemeinplätzen zählt ja, dass Soldaten ihr Tun, zumal dessen hässliche Seiten, per Handykamera oder Videotagebuch selbst dokumentieren. Während andere Hollywoodfilme solche Selbstbeobachtung prominent in ihre Irakkriegsreflexionen einarbeiten, fällt hier die Beobachterrolle der lokalen Bevölkerung zu.

Was die von dem Dargebotenen hält? Schwer zu sagen. Wenn schwitzende Amis auf gesperrten Straßen an Sprengfallen hantieren, schauen Irakis vom Fenster aus zu, gestikulieren vieldeutig, greifen selbst zur Digicam. Ein irritierender Anblick; überhaupt sind nichtwestliche „Andere“ hier weder unsichtbar noch Opfer, sondern kategorisch anders als erwartet. Der Intimkontakt mit der Bombe hingegen bringt existenzielle Klarheit – die der Film jedoch nicht abfeiert: Dass hier als Traumjob ausgeübt wird, was andere Filme zum Trauma stilisieren, wird als Pointe sichtbar.

Auf Heimaturlaub steht der Entschärfungsmacho ratlos vor Supermarktregalen; in Bagdad stolziert er im Schutzanzug die Straße runter wie ein Westernheld. Todgeweihtheit als Lebensweise, die wenigstens nicht fad ist; Ausgesetztheit im Blick potenzieller Feinde als Selbstheroisierungsoption. „War is a drug“ heißt es in dem sandfarbenen Reißer, mit dem Regisseurin Kathryn Bigelow, die Männerversteherin und Hormonrauschdekonstruktivistin im Techno-Actionkino der 90er, sich bravourös zurückmeldet. DR

Ab Fr im Kino (OmU im Stadtkino Wien)


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