Kommentar

Aus, Garten! Wie man einen Konflikt zum Eskalieren bringt

Bürgerinitiativen

Falter & Meinung | Joseph Gepp | aus FALTER 10/10 vom 10.03.2010

Vergangenen Montag eskalierte ein Wiener Konflikt, der seit bald fünf Jahren schwelt: Da wurden alte Damen von Polizisten im Viererpack weggetragen. Da schnitten sich Arbeiter mit Motorsägen durch Baumkronen in Richtung schreiender Aktivisten, die angekettet den Baubeginn der „Konzertkristall“-Halle der Sängerknaben zu verhindern suchten.

Seit langem geistert der Streit um den Augartenspitz als immerwährende Randspalte durch die Medien. Und seit langem wurde die nunmehrige Eskalation vorhergesagt.

Denn der Widerstand der Leopoldstädter Aktivisten und Anrainer – es sind keine Berufsdemonstranten, sondern durchwegs gesetzte Bürger – ist längst massiv. Vor allem, weil vonseiten verantwortlicher Bauherren wie Bundes- und Stadtbehörden kaum Entgegenkommen zu bemerken war. Der Augarten-Streit, der nun so unrühmlich und brutal endete, ist in vielerlei Hinsicht ein perfektes Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll: ein fragwürdiger Umgang mit Grünraumressourcen ebenso wie mit Denkmal- und Ensembleschutz, eine offenbare Bevorzugung von Investoreninteressen, monatelange Gesprächsverweigerung vonseiten der Sängerknaben-Verwaltung, ein völlig unmäßiger Einsatz privater Sicherheitsfirmen zur Entfernung zweier Handvoll Demonstranten – unter den Augen der Polizei.

Dies alles machte den immer heftigeren Protest vorhersehbar. Dies alles hinterlässt einen extrem negativen Nachgeschmack. Denn einerseits wird in Wien mittels Volksbefragung direkte Demokratie propagiert. Und andererseits wird im Augarten jene Art der Volksbeteiligung, die tatsächlich von Bürgern kommt, brachial aus Baumkronen geschnippelt.


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