Fragen Sie Frau Andrea

Tapfere Schneider und verrückte Hutmacher

Kolumnen | aus FALTER 10/10 vom 10.03.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

beim Betrachten des Kinoplakats von „Alice im Wunderland“ nach Disney & Tim Burton habe ich mich gefragt, warum Hutmacher verrückt sind und ob Sie wissen, wie die Wendung „mad as a hatter“ entstanden ist. Und warum Schneiderlein so tapfer sind?

Mit besten Grüßen

Poldi Finzenberger, per Elektronachricht

Lieber Poldi,

um properen Filz, das Ausgangsmaterial für Hüte, herzustellen, arbeiteten die Hutmacher früherer Zeiten mit geheimen Rezepturen. Die große Kunst bestand darin, Haaren tierischer oder pflanzlicher Herkunft zusätzliche Kräuselung und Oberflächenrauigkeit zu verleihen, um sie in vielfältigen und aufwendigen Prozessen ineinander zu verhaken und zu verfilzen. Die englischen Hutmacher hatten einen besonderen Ruf in dieser Fertigkeit, denn sie beizten das Haarmaterial für den Hutfilz mit besonders wirksamen Flüssigkeiten, meist Quecksilberverbindungen. Die toxischen Qualitäten von Mercurium – Quecksilber – waren bald bekannt. Die Symptome von Quecksilbervergiftungen, unkontrollierte Nervenzuckungen, Zittern und Halluzinationen, trugen vergifteten englischen Hutmachern den bösen Spitznamen mad hatter ein – verrückte Huterer.

Anders verhält es sich mit der Tapferkeit von Schneidern. In einem der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm rühmt sich ein Schneider, „7 auf einen Streich“ erschlagen zu haben. Dass es Fliegen waren und keine Männer, verschweigt der Aufschneider. In den Schänken der Umgebung wird er, die dürre Schwuchtel, für einen starken Mann gehalten, der König beauftragt ihn schließlich mit herkulischen Aufgaben, die der schwächliche Schneider weniger mit Körperkraft denn mit List und Tücke meistert. Als Belohnung winkt schließlich die Prinzessin und damit das Königreich. Das Märchen gewinnt seine dramaturgische Kraft aus der Spannung zwischen des Schneiders physiognomischer Inkompetenz und seiner planerischen Eleganz. Galten doch Nadelkünstler traditionell als weichlich und verzärtelt. Sie waren raffinierte Ausdenker, saßen aber sommers wie winters auf den Tischen ihrer Werkstätten und nähten Kleider. Helden sahen anders aus. Bis das tapfere Schneiderlein kam und mit ihm die Idee des „Ingenieurs“.


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