Wieder gelesen

Bücher, entstaubt

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 11/10 vom 17.03.2010

Porträt eines Massenmörders

Wird Stalin in Moskau bald wieder von tausenden Plakaten blicken? Geht es nach Bürgermeister Juri Luschko: ja. Zum 65. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland soll die russische Hauptstadt im Mai mit Porträts des Diktators geschmückt werden.

Über das Vorhaben ist ein heftiger Streit entbrannt. Die einen sehen Stalin als größten Politiker des 20. Jahrhunderts, die anderen als psychotischen Massenmörder. Wer Stalin wirklich war, erklärte er selbst seinem Sohn: „Stalin ist die Sowjetmacht, das Abbild in den Zeitungen und auf Porträts – nicht du, nicht einmal ich.“

Wer mehr von solchen Sätzen lesen will, der sollte zum Buch „Stalin“ von Simon Sebag Montefiore greifen. Es erzählt vom „Hof des roten Zaren“, wie auch der Untertitel lautet. Stalins Höflinge beschreibt der Autor so: „In ihren Kasacken und Stiefeln steckten echte Kraftprotze, schwere Trinker, ausgekochte, weithin bekannte Männer mit einem Hang zum Größenwahn, enormen Kompetenzen und der Mauser im Halfter.“

Montefiores zentrale These lautet, der Selbstmord von Stalins geliebter, psychisch kranker Frau Nadja sei mitverantwortlich für die folgenden paranoiden Säuberungen. Solche Mutmaßungen sind zugleich Stärke und Schwäche des aufwendig recherchierten Buchs. Es neigt zu wissenschaftlich unfeinen „Anekdotisierungen“, liest sich dafür aber wie ein unheimlich packender Roman.

Simon Sebag Montefiore: Stalin. Am Hofe des roten Zaren. 2005, Fischer, 896 S., € 13,40


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