Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Die beste Baulücke der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 11/10 vom 17.03.2010

Lustgewinn durch Abrissbirne

Warum nur zieht es die Zungenspitze immer wieder zu dem Loch hin, das der herausgefallene Zahn hinterlassen hat? Denn das schaut gar nicht gut aus und verursacht schmerzhafte Kosten. Und dennoch schleicht die Zunge unablässig um die Lücke herum.

Mit perverser Lust verfolgt auch das Auge des Flaneurs die Lücken, die derzeit in die Stadtkrone gerissen werden. Da ist zum einen die riesige Baustelle auf der Kärntner Straße, wo der britische Architekt David Chipperfield einen Modepalast für Peek & Cloppenburg errichtet.

Der Abbruchvoyeur konnte den ganzen Herbst über zuschauen, wie die Geräte der Firma Prajo, der Großmeisterin des Gebäudeschlagens, Stockwerk um Stockwerk wegräumten.

Gigantische Greifzangen wurden ausgefahren, um Mauerbrocken wegzureißen. Manchmal sausten ganze Wände zu Boden. Wie geil!

Derzeit ist es das Opec-Gebäude am Donaukanal, dessen Demontierung einem Wonneschauer über den Rücken jagt. Wie im Falle des Hauses an der Kärntner Straße weiß man schon jetzt nicht mehr, wie es eigentlich ausgesehen hat.

Löst die Demolierung eines Gebäudes keinen Phantomschmerz aus, dann hat es auch keinen Schutz verdient. Wehmütig verfolgte der Stadtwanderer das unwürdige Ende des Südbahnhofs. Beim Opec-Gebäude dagegen atmet er auf.

Wie großartig durchlüftet ist nun der Blick vom Schwedenplatz auf den zweiten Bezirk. Eine Reihe unansehnlicher Bürogebäude riegelt die Leopoldstadt ab. Weg damit!

Und wieder bohren und peitschen die Prajomaschinen. „Ihr könnt gleich weitermachen“, möchte man ihnen zurufen. Gleich daneben steht das Raiffeisengebäude, auch einer dieser gerasterten Büroklötze, die nach der Abrissbirne förmlich schreien.

Dankbar schlürft das Auge die freie Sicht – einige Monate lang, bis sich das nächste Glasfassadending in den Vordergrund gedrängt haben wird.


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