Ins Mark

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 11/10 vom 17.03.2010

Wenn alle Dämme brechen

Gestern, nach dem Lesen der Magazine und Journale, war mir nicht gut. Mir ging es da – groteske Vorstellung! – einmal ähnlich wie Michael Jeannée. Dem freilich aus anderen Gründen übel war. „Gestern war mir nicht gut ob dieses Dämmebrechens von Schuld und Sühne“, hatte Jeannée in seiner „Post“-Glosse in der Krone geschrieben, dieser regelmäßig alle Dämme sprengenden spät-, ja postjournalistischen und von Schuld und Sühne in der Regel völlig befreiten Form, die Jeannée diesmal an die „Liebe Kirche“ adressiert hatte.

„Liebe Kirche“ – damit ist auch auf den Punkt gebracht, was die Kronen Zeitung in den vergangenen Tagen insgesamt zu den Fällen von sexuellem Missbrauch in der Kirche zu sagen hatte. Außer ein paar Streicheleinheiten für den Papst und einer Handvoll Leserbriefe, die im Wesentlichen versuchten, die behauptete mediale Skandalisierung der Missbrauchsfälle zu skandalisieren, war da nichts. So einfach lässt sich Öffentlichkeit hierzulande deformieren, so wenig Widerspruch regt sich dagegen. Muss einem ja schlecht werden.

Aber nicht immer sind die Verformungen des Öffentlichen so offensichtlich wie in der Krone. Die sonst gerade auch in Bezug auf die Missbrauchsfälle um ausgewogene Berichterstattung bemühte Kleine Zeitung etwa schrieb zuletzt über die Opfer eines oststeirischen Pfarrers, dessen Fall auch in dieser Ausgabe des Falter (ab S. 46) aufgerollt wird – sie vermied es allerdings, auch nach einer möglichen Mitverantwortung der steirischen Bischöfe dafür zu fragen, dass den Opfern dieses Pfarrers bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren ist. Da müssten wohl noch ein paar Dämme mehr brechen.

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter


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