Kunst Kritik

Warten auf die Wende

Steiermark | Ulrich Tragatschnig | aus FALTER 11/10 vom 17.03.2010

Seit jeher gehören „Unerwartete Wendungen“ zum Instrumentarium spannender Erzählung, in allen Künsten. Mit ihnen lässt sich auflockern, was ohne sie zu zielgerichtet, monoton verliefe. Das mag nicht nur auf Kunstwerke, sondern auch auf ganze Ausstellungsprogramme anwendbar sein. Womit es wohl Sinn macht, dass der Kunstverein „rotor“ seine Forschungen zum Grazer Annenviertel einmal beiseiteschiebt und obendrein bereit ist, sein und unser Weltbild ins Wanken zu bringen. Bis zum Letzten muss es dabei aber doch nicht kommen. Schon weil die gezeigten unerwarteten Wendungen das Thema mehr sinnbildlich als methodisch anwenden. In den Wandarbeiten Nada Prljas stehen sich etwa Kapitalismus und Roter Stern als veraltete, ausrangierte Leitbilder überkommener Ideologien gegenüber, erwarten deshalb aber wenig mehr als bloße Zustimmung. Helmut Heiss weiß die Ödnis in der Peripherie von Bukarest mit „Eigenwerbung“ auszufüllen oder performative Akte im Armenviertel so zu setzen, dass sie das Augenmerk auf kulturelle Andersartigkeiten lenken, verbleibt dabei aber ebenfalls innerhalb der Grenzen des Erwartbaren. Dunkel dräuen die Gestalten, welche die Berliner Gruppe bankleer unter schwarzem Stoff versteckt, ohne dass sie aber, wie Rodins Bürger von Calais, bereits eine Richtung fänden. Das Künstlerpaar zweintopf hat überhaupt ein Mahnmal der Erwartbarkeit errichtet. „78/83“ bezieht sich auf die durchschnittliche Lebenserwartung beider Geschlechter in Österreich. Entsprechend viele Kalenderblätter haben beide in einem Hochsicherheitskäfig abgerissen. Wir warten gespannt auf einen Ausbruch.

rotor. association for contemporary art, bis 24.4.


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