Ausstellung Tipp

Als das „Skandal!“-Gerufe noch geholfen hat

Lexikon | Klaus Nüchtern | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

Heute muss man Skandale mühsam anheizen (und der Boulevard kann sich dennoch nicht sicher sein, ob sie auch zünden), damals besorgte das noch der Volkszorn (der freilich von seinen Nutznießern kanalisiert und verstärkt wurde). Die Ausstellung „Staatsoperetten. Kunstverstörungen. Das kulturelle Klima der 1970er Jahre“, die von Evelyne Polt-Heinzl und Irene Suchy kuratiert und von Peter Karlhuber gestaltet wurde, führt einen 100 Meter messenden Filmstreifen entlang über zwei Stockwerke des Literaturhauses, an 14 Stationen mit ironisch zu verstehenden Geboten („Du sollst dir kein Bild der Polizei machen“ …) durch die 70er- bis in die Mitte der 80er-Jahre und auf diesem Weg in „ein historisch nahes, aber mental fernes Kapitel der österreichischen Literatur- und Fernsehgeschichte“.

Und in der Tat: Wer damals Gymnasiast/Student war, kann sich erinnern: an die Empörung der Eltern über die respektlose Besetzung der Dollfuß-Figur in der „Staatsoperette“ (Libretto: Franz Novotny; Musik: Otto M. Zykan) mit dem kleinwüchsigen Fritz Hakl; an die Kritik des Geschichtelehrers an der mangelnden historischen Authentizität der „Alpensaga“ von Wilhelm Pevny und Peter Turrini; an die illegale Aufführung von Achternbuschs beschlagnahmtem Film „Das Gespenst“ im Audimax (man war ja selbst dabei gewesen!) und leider auch an den Auftritt der Schmetterlinge beim Song Contest mit dem kapitalismuskritischen AgitProp-Schlager „Boom Boom Boomerang“. Ob diese Zeiten tatsächlich versunken sind, sollte man aber doch einmal praktisch überprüfen: durch eine Zweitausstrahlung der „Staatsoperette“ im ORF.

Literaturhaus Wien, bis 16.4.

Podiumsdiskussion „Vom Kulturkampf zum Kuschelkurs!?“ (u.a. mit Hilde Hawlicek,

Franz Novotny und Evelyne Polt-Heinzl): 6.4., 19.00


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