Neu im Kino

„Mein Kampf“ – wie Hitler zum Bärtchen kam

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

In einem Wiener Männerheim sorgt anno 1910 ein launischer Vegetarier für Schtonk. Der jüdische Lebenskünstler Schlomo kümmert sich geradezu rührend um den jungen Möchtegernmaler. Wenn nur dieser Hitler nicht so ein Temperament hätte!

Statt noch einer wirklich wahrsten Wahrheit über Adolf Hitler bietet George Taboris Farce „Mein Kampf“, uraufgeführt 1987 im Akademietheater, ein verspieltes Gleichnis über jüdischen Witz und germanische Minderwertigkeitskomplexe auf: Der gutmütige Schlomo lehrt den „Führer“ in spe nicht nur die Macht fesselnder Rhetorik, sondern verpasst ihm auch seine Insignien vom Bärtchen bis zum Hakenkreuz.

Solche Momente der Ikonenbildung erinnern in der Verfilmung des Schweizers Urs Odermatt kokett an jüngere filmische Einblicke in die Werdegänge anderer Leinwandmonstren wie Darth Vader oder Hannibal Lecter.

Odermatts Inszenierung schlingert etwas halbherzig zwischen Stilisierung und historisierendem Naturalismus, spitzt erst allmählich das Allegorische der Erzählung zu. Am radikalsten sprengt das koproduktionstypische Gemisch von Sprech- und Schauspielstilen jeglichen Realismusverdacht: Neben Schlomo-Götz Georges verschmitztem Raunen und Tom Schillings souverän eingeübtem Hitler-Oberösterreichisch geben Wolf Bachofner und Elisabeth Orth jeweils ihr Hauptabendserien- und Burgtheaterwienerisch zum Besten.

Faszinierender, verwegener wurde der Gemeinplatz von Hitler als frustriertem Künstler im Kino schon in Menno Meyjes krudem Thesendrama „Max“ (2002) ausgeschlachtet: Da stellte sich der Nationalsozialismus vom Logo bis zur Uniformierung ganz wörtlich als avantgardistisches Gesamtkunstwerk heraus.

Ab Fr in den Kinos


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