Neu im Kino

„Nokan“ – Zurüstungen für die letzte Reise

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

Mit dem Erstaunen über den diesjährigen Oscar für den besten Auslandsfilm (der nicht an Michael Haneke oder Jacques Audiard ging) wird sich die Empörung über die letztjährige Preisvergabe wohl gelegt haben (damals gab die Academy einem Film von stolzer Konventionalität den Vorzug gegenüber dem erzählerischen Eigensinn von „Die Klasse“ und „Waltz with Bashir“); sie erscheint vielmehr umso verständlicher.

„Nokan“ ist ein redlicher Wohlfühlfilm, der voller Wehmut von den letzten Dingen erzählt. Den gescheiterten Konzertcellisten Daigo verschlägt es bei der Rückkehr in seine Heimatstadt in ein Gewerbe, das bei seinen Mitmenschen gleichermaßen Abscheu wie Dankbarkeit auslöst: Er arbeitet als Aufbahrer, säubert und schminkt Leichen, bevor sie eingeäschert werden. Pflichtschuldig bricht Yojiro Takita das betulich Makabre und Lyrische, mit dem er sein Sujet ausmalt, durch komödiantische Intermezzi. Er begreift das Melodram als ein geschütztes Terrain, das an tiefe Gefühle rührt, ohne verstören zu müssen. Alles ist wohltemperiert in diesem Film; für jeden Konflikt findet Kundo Kayamas Drehbuch lässliche Auswege. Seine sentimentale Wucht wirkt nicht selten erschlichen; zuverlässig setzt er den bewegenden Höhepunkten stets noch einen Tupfer Pathos auf. Die Aufbahrungsszenen sind ein absehbares, gleichwohl berückend taktvolles Herzstück des Films. In ihren mit zärtlicher Kunstfertigkeit ausgeführten Ritualen halten sich Intimität und Öffentlichkeit die Waage. Die Zurüstungen für das Jenseits sind eine Geste, die tief ins Herz einer Kultur blicken lässt, in der die Würde sich wesentlich in der äußeren Erscheinung manifestiert: Vor den Augen der Hinterbliebenen scheint das Wesen der Verstorbenen noch einmal in tröstlicher Anmut auf.

Derzeit in den Kinos (OmU im DeFrance)


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