Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

Epochenbrüche

Die DDR wählte erstmals, und zwei Tage vor dem Ereignis gastierte der Schriftsteller Volker Braun in Wien. Im Interview mit dem Falter sprach er: „Diese Form des Sozialismus muss man leider auf den Schutt schicken, eine abgelebte Gesellschaft, wie Büchner sagte, zum Teufel gehen lassen und gnadenlos sehen, dass diese Art Lösungen untauglich waren, ein solches System nicht zu retten ist.“

Die Utopie des Sozialismus könne man anhand seiner DDR-Praxis nicht beurteilen. „Ein alter Philosoph wurde vor ein paar Monaten in einer italienischen Zeitung zitiert: Glaubt ihr denn, ihr Toren, dass der Zusammenbruch des historischen Kommunismus der Sehnsucht nach Gerechtigkeit ein Ende setzen wird? Das Empfinden von der Ungelöstheit sozialer Widersprüche, was auch den Widerspruch zwischen Gattung und Natur bedeutet, der Kontinente und Menschen schon in der kleinsten Gemeinschaft – dieses Empfinden wird sich immer wieder bemerkbar machen und dann zu ganz unwägbaren und überraschenden Aufbrüchen führen.“

Im Druck stand „unwegbaren“ statt „unwägbaren“. Es könnte auch so gemeint gewesen sein, aber dann hätte Braun wohl „unwegsam“ gesagt. Rückblickend tippe ich auf kreativen Druckfehler.

Um die gleiche Zeit, da sich Weltbewegendes begab und der Falter ein Künstlerpaar aufs Cover hievte, das mit dem Projekt von Krötenbrücken seiner Zeit weit voraus war, trat Robert Hochner von seinem Posten als AZ-Chefredakteur zurück. Unser Kommentar: „Robert Hochner wurde vor nun knapp neun Monaten, zu unserer aller Schaden, aber zur Freude manches ORF-Angestellten vom Bildschirm weggekauft und in die Redaktionsstube transferiert. Weder weltbewegend noch besonders überraschend mutet uns die Nachricht von seinem Rücktritt an. Die Chance seines Lebens – im Falter-Interview hatte er sie mit, das ist sie‘ charakterisiert – sieht er nun laut profil, als den größten Fehler‘ ebendieses Lebens.“ AT


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