Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Der coolste Cooljazzer der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

Der Tristram Shandy des Saxofons

Im Triumvirat der Verbliebenen aus den heroischen Zeiten der Jazzmoderne ist Lee Konitz wohl derjenige, der mit dem leichtesten Gepäck reist (die anderen beiden sind natürlich Sonny Rollins und Ornette Coleman). Im Grunde hätte Konitz seine mittlerweile sechs Jahrzehnte währende Karriere mit zwei, zur Not auch mit einem Dutzend Songs bestreiten können. „Wir spielen Standards, und wir versuchen, sie jedes Mal ein bisschen anders zu spielen“, lautete denn auch die bescheidene Selbstauskunft des Altsaxofonisten, als er vergangene Woche in Wien zu Gast war.

Es war ein denkwürdiger Auftritt, nicht nur, weil man eine „Legende“ hören konnte, die am „Birth of the Cool“ maßgeblich beteiligt war, sondern vor allem, weil sie auf den Legendenstatus getrost verzichten kann: Was Erfindungsreichtum und Spielwitz anbelangt, sieht neben dem 82-jährigen Konitz schnell jemand alt aus – allerdings nicht das exzellente deutsch-israelische Trio Minsarah, das ihn begleitet, um die unter dem Namen Lee Konitz New Quartet aufgenommene CD „Live at the Village Vanguard“ (Enja) zu promoten.

Die fängt Konitz’ stupend breites Spektrum zwischen fast schüchterner Zärtlichkeit und kühner Dekonstruktion exemplarisch ein; auf die gutgelaunt grantelnde Performance, die Konitz im Porgy & Bess nebenher ablieferte und die prächtig in einen Woody-Allen-Film gepasst hätte („Würden Sie das Licht in der Bar ausmachen?! – Sie sollen sich nicht davorstellen, sie sollen es abdrehen!“), muss man freilich verzichten – und wird dennoch überreich beschenkt, wenn Konitz geliebten alten Hadern wie „Cherokee“ oder „I Remember You“ neues Leben einhaucht, indem er, dieser Tristram Shandy des Saxofons, neue Um- und Abwege findet, das Terrain des Great American Songbooks abzuschreiten. Intensität, so kann man hier lernen, ist keine Frage der Verausgabung, sondern der Komplexität und der Konzentration; die aber wiederum keiner so lässig umsetzt wie Lee Konitz – verdammt cool eben!


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige