Die Dinge des Lebens: Andreas Vitáseks souveränes neues Solo „39,2° – Ein Fiebermonolog“

Feuilleton | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

Kabarettkritik: Wolfgang Kralicek

Andreas Vitásek geht nicht zur Gesundenuntersuchung. Weil: „Ich bin ja nicht gesund.“ Den Witz hat er zum ersten Mal in dem Programm „Kurzzugende“ (1997) gemacht. Dass die Pointe immer noch aktuell ist, spricht für seine Gesundheit. Sogar die Schweinegrippe hat Vitásek überlebt, weshalb das neue Solo „39,2° – Ein Fiebermonolog“ heißt.

„Die Dinge des Lebens“ wäre der bessere Titel. Wie Claude Sautets Film beginnt auch das Programm mit dem Ende. Und souverän wie nie entwickelt Vitásek aus scheinbar privaten Anekdoten ein satirisch-poetisches Loblied auf das ganz normale Leben.

Er erinnert sich an Bundesheer und Beichtstuhl, sinniert über die Physiognomie des Defäkierens („Jedes Lebewesen schaut komisch, wenn es scheißt“) und verrät intime Geheimnisse: „Ich habe aufgehört zu onanieren. Mir fällt nichts mehr ein.“

Einmal erzählt Vitásek, wie er im Stadtpark einen Junkie beobachtet, der sich einen Schuss setzt – und wie ihn dann das schlechte Gewissen plagt, einfach weitergegangen zu sein. Die Geschichte hat keine Pointe, ist aber so fein erzählt, dass sie trotzdem zur stärksten des Abends zählt.

Tagespolitische Gags streut Vitásek meist en passant ein, er kann aber auch anders: Die Parallelmontage des berüchtigten Krone-Leserbriefs von Faymann/Gusenbauer mit jenem Brief, in dem Hans Moser bei Hitler um Gnade für seine jüdische Frau bettelt, ist vielleicht geschmacklos. Aber auch einer der bittersten politischen Kommentare, die man auf einer Kabarettbühne seit langem gehört hat.

Der Tod spielt bei Vitásek stets mit. Diesmal unternimmt der Künstler sogar eine Zeitreise zu seiner eigenen Beerdigung. Auch die perfekte Todesart hat er schon im Kopf: zwei Stelzen im Schweizerhaus und sich dann vor die Liliputbahn werfen. Letzte Worte: „Na geh, ich wollt eine Dampflok!“

Im April und Mai jeden Di, Mi, Do im Orpheum


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