Doris Knecht

Der Selbsthass steht erst bei den Brustwarzen

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 12/10 vom 24.03.2010

Man muss die Dinge genau so lange liegenlassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, kurz bevor man mit einer Panikattacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal.

Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was.

Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buchcover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf. Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein.

Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Schlaf reißt, nie mit einem das „Frühlingsfest der Volksmusik“ anschaut und einem nicht mal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit.

Anna wird das machen, mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, danke. Du regelst das mit dem Foto, bitte, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige