Theater Kritik

Ein Kaleidoskop klassen-kämpferischer Utopien

Steiermark | Gregor Schenker | aus FALTER 13/10 vom 31.03.2010

Erst im Februar dieses Jahres gelangte die restaurierte Langfassung des – 1927 nach Premierenmisserfolg verstümmelten – Stummfilmklassikers „Metropolis“ wieder auf die Leinwand. Für die Probebühne des Grazer Schauspielhauses hat die Berliner Regisseurin Claudia Bauer eine Fassung erarbeitet, die aber mehr ist als bloße Bühnenadaption. Dem getriebenen Puls der Großstadt entsprechend verlangt sie ihrem Schauspielerteam (gleichermaßen hochkonzentriert wie energetisch: Katharina Klar, Franz Solar, Franz Josef Strohmeier) ein aberwitziges Sprechtempo und körperlichen Volleinsatz ab. Stark expressionistisch überzeichnete Nachstellungen von Schlüsselszenen des Stummfilmklassikers, die sich oft repetitiver Bewegungsschleifen bedienen, wechseln mit Dialogen des Filmregisseurs Fritz Lang und seiner Drehbuchautorin und Ehefrau Thea von Harbou ab, die einige Untiefen künstlerischer Eitelkeiten zutage fördern. Mit den dazwischengeschnittenen – assoziativ dem Thema Metropolis folgenden – Gedankenspiralen entwickelt sich so ein kaleidoskopartiger Bilderbogen klassenkämpferischer Utopien.

Dass dieser zu voller Entfaltung gelangt, ist aber gleichermaßen dem Bühnenbildner Hendrik Scheel zu danken, der eine Miniaturmetropolis-Skulptur gebastelt hat, welche von dem kongenialen Videoinstallationsduo OchoReSotto mittels Überblendungen und Verfremdungen hinter die Spielenden projiziert wird. Insofern ist mit Bauer heuer endlich eine Regisseurin auf der Probebühne, die sich traut, ihr Konzept voll durchzuziehen, und nicht nach zwei Metern Weg stehen bleibt. Dementsprechend spornt sie ihre Mitstreiter zu Höchstleistungen an. Das Ergebnis ist gleichermaßen unterhaltsam mitreißend wie inspirierend. Da geht die dramatische Post ab!

Schauspielhaus Graz, Probebühne, Sa 20.00


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