Kommentar

Landesmutter trifft Gottvater: Das alleine wird nicht genügen

Kirchenkrise

Falter & Meinung | Martin Gantner | aus FALTER 13/10 vom 31.03.2010

Was Kardinal Christoph Schönborn dazu bewog, ausgerechnet Waltraud Klasnic zur neuen Opferschutzanwältin der katholischen Kirche zu machen, erschließt sich dem Laien nicht auf den ersten Blick.

Frauen sind im oberen Kirchenmanagement traditionell nicht eben stark vertreten. Gut, die ehemalige ÖVP-Politikerin ist nicht nur katholisch, sondern auch gläubig. Und ja, im Zweifel legt Klasnic auch öffentlich Zeugnis dieses Glaubens ab („Wenn das wahr ist, ist das Gottes Hand“). Aus Kirchensicht hat Schönborn also nichts falsch gemacht. Und genau das ist das Problem. Denn wie kritisch kann eine Einrichtung sein, wenn sie jene Hand, die sie füttert, beißen soll? Und auch wenn Schönborn das Gegenteil behauptet: Eine kirchennahe Opferanwaltschaft birgt die Gefahr, dass es zu keiner staatlichen Kommission mehr kommen wird – einer Kommission, die von einer Atheistin geführt hätte werden können und die der kirchlichen Güte nicht bedarf.

Die gute Nachricht: Noch ist das Pouvoir Klasnics unklar. Wie ernst es Schönborn also ist, misst sich daran, ob Klasnic auch für andere Reformen Impulse setzen kann. So müssten schon bestehende Ombudsstellen nach Wiener Vorbild mit Psychologen statt Priestern ausgestattet werden. Auch der Blick zur evangelischen Kirche in Deutschland wäre ratsam. Seit 2002 existiert dort ein Leitfaden, der vorgibt, was im Missbrauchsfall zu tun ist. Täter werden zur Anzeige gebracht – meist auch dann, wenn Opfer dies nicht wünschen. Der Grund: Potenzielle Opfer müssen geschützt werden. Glaubwürdig wird die Kirche nur dann wieder, wenn sie in der Sache weltlichen Kategorien gegenüber biblischer Buße und göttlicher Gnade den Vorzug gibt.


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