Gelesen

Bücher, kurz besprochen

Politik | aus FALTER 13/10 vom 31.03.2010

Der Mann der Mitte

Jede Nation hat ihre lebenden Säulenheiligen, die für Werte, Identität und Orientierung stehen. Einer, der für die meisten Deutschen diese Position einnimmt, ist Richard von Weizsäcker. Es verwundert nicht, wenn zu seinem anstehenden Neunziger gleich vier Biografien über ihn erscheinen. Die beste schrieb der Zeit-Journalist Gunter Hofmann. Sein Buch verwebt die Biografie des Ex-Präsidenten der Bundesrepublik mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Weizsäckers Eltern waren Teil jenes aristokratischen Bürgertums, das „in Weimar die Kraft nicht hatte“, Hitler zu verhindern. Es scheint, als ob Weizsäcker diesen Fehler ausbessern wollte. Er bot Orientierung und war ein Mann der Mitte, den Ausgleich suchend zwischen Gegenwart und Nazi-Vergangenheit, zwischen BRD und DDR, zwischen 68ern und konservativem Bürgertum.

Wolfgang Zwander

Gunter Hofmann: Richard von Weizsäcker, Beck, 264 S., € 20,60

Ein Staat, den keiner wollte

Dass es 30 Jahre nach Titos Tod und 15 Jahre nach Kriegsende noch kein deutschsprachiges Standardwerk zum JugoslawienKonflikt gibt, mag auch daran liegen, dass niemand die dortige Situation so richtig versteht. Nun hat der bosnischstämmige Wiener Politologe Vedran DzÇihic´ (siehe S. 18) diese Lücke gefüllt. Er liefert einen 450-Seiten-Wälzer über das balkanische Herzstück Bosnien-Herzegowina, der durchaus das Zeug zum Standardwerk hat. Umfassend meistert DzÇihic´ den Grat zwischen Detailtreue und Überblick – was gerade bei diesem Thema eine Herausforderung ist. Von der Nachkriegsgeschichte über das Friedensabkommen von Dayton bis zu den wissenschaftlichen Konzepten des Ethnonationalismus fehlt kein Aspekt.

Joseph Gepp

Vedran D®ihiÆ: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina. Staat und Gesellschaft in der Krise, Nomos, 440 S., € 79,–


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige