Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 13/10 vom 31.03.2010

Die Kloaken der privaten Meinungen

So von Kulturpessimist zu Kulturpessimist gehört es, zum Beispiel beim Samstagvormittagskaffee am Lendplatz, zum guten Ton, die Medien (v.a. den Boulevard) und jetzt auch speziell das Web 2.0 mit einem Scheißhaus zu vergleichen. Man stellt sich da gerne mal an die Theke und in die Tradition von Karl Kraus und Thomas Bernhard, die sicher auch kein Facebookprofil hätten, weil sie das Unverbindliche und Oberflächliche daran kaum ertrügen. Klar ist: Wenn man schon ein Profil hat, dann sollte man nur mit denen friend sein, denen man im Zweifel auch mal einen Platz zum Schlafen für ein bis zwölf Nächte anbieten würde, wenn es nötig ist. Das hat dann eine ganz andere Verbindlichkeit, wenn man eine echte private Toilette miteinander teilt, und die hat mindestens genauso viel Repräsentationsfunktion wie eine FB-Seite. Oft finden wir Zeichnungen mit gereimtem Text, der auf freundlich-lustige Art dazu auffordert, sich richtig zu verhalten. Gern werden auch (anscheinend) willkürlich zusammengewürfelte Zeitungsausschnitte zu zeitgeschichtlich relevanten Themen (z.B. Lebensversicherungen, ÖSV, Wirtschaftskrise, GAK-Insolvenz, Grenzsicherung) auf die Kacheln geheftet, so als würde uns der Kloherr sagen wollen: „Ich muss hier nichts erklären! Ich bin ganz bei mir, um mir meinen eigenen Reim auf die Welt zu machen. Authentisch, speziell und welthaltig! Und du kannst dabei sein.“ Gegenteiliges bewirken Ausschnitte von Gedichten oder Prosatexten, die einem kommentarlos entgegenstarren, was hauptsächlich in WCs von Germanistikstudenten vorkommt.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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