Doris Knecht

Ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 13/10 vom 31.03.2010

Muss heute drei Büsche besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertigzuhaben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern Abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwath’schen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Zwei Holunderbüsche, eine Hasel, das wird’s.

Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundertmal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den 80er-Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja.

Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser draufhat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: Ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften Spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie solle sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit et cetera, et cetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzlokal-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und schau, er hat einen Busch unterm Arm.


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