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„Le Père de mes enfants“ von Mia Hansen-Love

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 14/10 vom 07.04.2010

Vom eigenen Metier zu erzählen, betrachteten Filmemacher früherer Generationen als ein Privileg, das sie sich erst einmal verdienen mussten. Truffaut wartete 13 Filme ab, bis er soweit war, Fellini immerhin achteinhalb; Godard hatte nicht ganz so viel Geduld. Mithin könnte man Mia Hansen-Love unbotmäßige Eile vorwerfen, wenn sie ihre erst zweite Regiearbeit in der Filmbranche ansiedelt. „Le Père de mes enfants“ wählt einen ungewohnten Blickwinkel: Er ist keine Nabelschau über die Wechselfälle künstlerischer Inspiration, sondern handelt von der Ökonomie der Verantwortung. Im Mittelpunkt steht ein idealistischer Hasardeur, der hingebungsvolle Produzent und Familienvater Grégoire Canvel, der nach Kräften versucht, beide Rollen in Einklang zu bringen. Als seine Firma in immer heillosere Turbulenzen gerät, leugnet er die Realität so lange, bis er keinen Ausweg mehr weiß.

Wie in Hansen-Loves Erstling „Tout est pardonné“ geht es darum, wie man nach einer Katastrophe weiterlebt. Sie erzählt großzügig vom Wesen der Vaterschaft und beweist ihr Gespür für unverbrauchte Darstellerpersönlichkeiten und Schauplätze. „Le Père de mes enfants“ behält zwar die spezifischen Gesetze der Filmbranche stets im Blick – der Wert ihrer Produkte bemisst sich nicht nur nach den Kategorien Verlust und Gewinn –, ihre Analyse wirtschaftlicher Zwänge und der Auswirkung einsamer Entscheidungen auf ein Gemeinwesen aber geht weit darüber hinaus. Der ehemaligen Cahiers du cinéma-Kritikerin wird dieser Vergleich nicht gefallen, aber seit Claude Sautets „Mado“ und „Eine einfache Geschichte“ wurde im französischen Kino nicht mehr auf so packende Weise geschildert, wie schwer es ist, eine marode Firma zu sanieren.

Österreichisches Filmmuseum, Do 8.4., 20.45 (OmU) – Premiere in Anwesenheit der Filmemacherin


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