Ausstellung Kritik

Aufatmen in der Emigration

Steiermark | Florian Labitsch | aus FALTER 14/10 vom 07.04.2010

Immer wieder hat Herlinde Koelbl prominente Namen in den Fokus ihrer Kameraarbeit gerückt. So geschehen auch im Jahr 1989. Damals zeigte die deutsche Fotokünstlerin Porträts einer Generation deutschsprachiger Juden, die vor den Nazis ins Exil flüchten konnte. Die sehenswerte Wanderausstellung „Jüdische Portraits“ ist nun im Stadtmuseum Graz angekommen. Dabei wählt Koelbl eine zweifache Erzählebene: Sie beschränkt sich nicht auf die fotografische „Dokumentation“ dieser Generation, sondern fängt auch bemerkenswerte sprachliche Lebensbilder ein, die in Zitaten neben den Fotos platziert sind. So entstanden Porträts von prominenten Emigranten wie Bruno Kreisky oder Erich Fried. Die Verknüpfung von Bild und Text macht den Reiz der Ausstellung aus. Den ausdrucksstarken Fotos werden Interviewpassagen der Porträtierten gegenübergestellt, in denen Themen wie jüdische Tradition, Religion oder „Heimat“ zur Sprache kommen. Tiefgründig und zugleich makaber geraten etwa die Bemerkungen von George Tabori, der von der Tradition des jüdischen Witzes erzählt. Historisch lesenswert wiederum, wenn der in Wien aufgewachsene Hollywood-Regisseur Fred Zinnemann vom Misstrauen berichtet, das man ihm dort als Kind aufgrund seiner jüdischen Herkunft entgegenbrachte. In Paris und später in den USA konnte er dagegen „aufatmen“. Denn „kein Mensch hat sich Gedanken darüber gemacht, ob man nun Jude war oder nicht“. Wer mehr von den Lebensgeschichten der Porträtierten erfahren will, dem sei der Band „Jüdische Portraits“ (S. Fischer, 2000) empfohlen, in dem neben den Fotos auch Koelbls ausführliche Interviews zu finden sind.

Mit Koelbls Porträts „stimmt“ sich das Stadtmuseum auf die Ausstellung „Die Kunst der Anpassung. Steirische KünstlerInnen im Nationalsozialismus“ ein, die ab 18. Mai gezeigt wird.

stadtmuseumgraz, bis 14.11.


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