Enthusiasmuskolumne

Diesmal: die beste Benimmfibel der Welt der Woche

Feuilleton | Tex Rubinowitz | aus FALTER 14/10 vom 07.04.2010

Sei nett zu deinem Dienstleister!

Es gibt zu wenig lustige Sachbücher, vor allem solche über das Böse im Menschen. Wo sind die Abhandlungen, die fragen, warum sich eigentlich niemand mehr benehmen kann, wo die Höflichkeit geblieben ist, warum der einfache Mann auf der Straße zum Sadisten wird, wenn er in die Rolle eines Kunden schlüpft?

Ulrike Sterblich, einigen vielleicht noch als das Supatopcheckerbunny (u.a. aus „Willkommen Österreich“) bekannt, hat ein Buch mit dem Titel „Tüte oder so was“ geschrieben. In ihm nimmt sie sich der Leiden jener an, die im sogenannten Tertiärsektor arbeiten müssen: Kassiererinnen, Kellner, Klempner, Krankenschwestern, Taxifahrer, Bestatter, Frisöre und Flugbegleiter; Dienstleister also, die tagtäglich mit Leuten konfrontiert sind, die für ihr Geld etwas haben wollen, was über die schnöde Ware und Leistung hinausgeht, und die sich dabei komplett zum Obst machen. Und das ist schon sehr zum Lachen, vielleicht auch, weil wir uns da und dort selbst wiederfinden.

Wenn es uns vielleicht gerade nicht gutgeht, Zahnschmerzen, Kanarienvogel gestorben, Bein oder Job verloren, muss eben jemand anderer mitleiden, und niemand denkt daran, dass die freundliche Frau an der Kasse vielleicht auch gerade Liebeskummer oder Unterleibsschmerzen hat. Dazu kommen all jene, die gegen jeden und alles Misstrauen hegen: Was macht die Krankenschwester mit meinen Angaben auf dem Anamnesebogen, stellt sie sie nach Praxisschluss kommentiert ins Internet oder schickt sie sie dem Pentagon?

Das Buch ist ein Plädoyer dafür, diesen Parias der Gesellschaft mehr Respekt entgegenzubringen, ihnen nicht dauernd Kompetenz abzusprechen und sich bei einem Taxifahrer einfach mal die Frage zu verkneifen, ob er frei sei. Auch soll man sich ein bisschen schlaumachen, bevor man Buchhändler fragt, ob „,Mit den Ansichten eines Clowns kamen die Tränen‘ von Boss?“ vorrätig sei. Wer da in die nächste Parfümerie geschickt wird, braucht sich jedenfalls nicht zu wundern.


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