Ein Dilemma ohne Ausweg, ein Lehrstück ohne Lehre: Kevin Rittbergers „Kassandra“

Feuilleton | aus FALTER 14/10 vom 07.04.2010

Theaterkritik: Wolfgang Kralicek

Theatergänger kennen Kassandra aus der „Orestie“. Die Seherin aus Troja prophezeit das Unheil, aber es glaubt ihr niemand. In Kevin Rittbergers Stück „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ hat Kassandra viele Gesichter.

Der deutsche Dramatiker (geb. 1977) verhandelt in dem Stück ein komplexes Thema: Es geht einerseits um das Schicksal afrikanischer Boat People, die unter Lebensgefahr die Flucht nach Europa wagen, und andererseits das Dilemma westlicher Gutmenschen, die darüber berichten.

Stück und Aufführung zerfallen in zwei Hälften. Zuerst wird in Form eines „Lehrstücks“ die Geschichte einer Afrikanerin erzählt, die es nach jahrelanger Odyssee endlich ins Boot nach Spanien schafft – und bei der Überfahrt ebenso umkommt wie ihre Kinder. Im zweiten Teil treten drei Europäer auf den Plan, deren Engagement fatale Konsequenzen hat – für die Afrikaner und sie selbst.

Die Uraufführung im Schauspielhaus (Regie: Felicitas Brucker) beginnt mit Verfremdungseffekten wie aus dem Lehrbuch: Die Schauspielerinnen und Schauspieler schminken sich die Gesichter schwarz, Blessings Geschichte wird von betont einfachen szenischen Mitteln begleitet.

Interessanter wird’s in der zweiten Stunde, wenn das Stück die Perspektive wechselt. Den Akteuren bieten sich jetzt mehr Spielangebote, die sie dankbar nutzen; toll etwa die Szene, in der ein engagierter Journalist (Max Mayer) quasi an seinem eigenen Redeschwall ertrinkt.

Und wenn die Dokumentarfilmerin (Katja Jung) auf der verzweifelten Suche nach einem „anderen Blick“ schließlich mit der Kamera über Bord des Flüchtlingsschiffs geht, hat das Stück einen Punkt erreicht, an dem Gesellschaftskritik von Groteske nicht mehr zu unterscheiden ist. Eine beachtliche Leistung.

Nächste Termine: 8., 16. & 17.4., Schauspielhaus


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige