Ins Mark

Der Kommentar zur steirischen Woche

Steiermark | aus FALTER 14/10 vom 07.04.2010

Man muss auch danken können

Es ist dieser Kelch wieder einmal an der Stadt vorübergegangen. Jedes Jahr, wenn es wärmer wird, fällt irgendjemandem ein, dass der Hauptplatz eigentlich gar kein Platz so im altmodischen Sinn, sondern ganz etwas anderes ist. Ein Designerstandl-Dorf zum Beispiel, eine Kirschlorbeergärtnerei oder eine Sonderzone für Sozialexperimente (an Alkoholkonsumenten, Punks oder Tauben). Oder halt ein Jumbo-Gastgarten. Der hat den Vorteil, dass er die sozialen Fragen via Privatisierung wie von selbst miterledigt. Heuer waren es die FPÖ und die Krone, denen so eine Stadtprivatisierung als Erstes eingefallen ist. Vielleicht auch das Styria-Gratisblatt Die Woche, es war nicht zu rekonstruieren.

Natürlich sind dann alle ausgerückt: Die Blätter haben Online-Polls durchgeführt, die klare Pro-Mehrheiten ergaben (nach 24 Nein-Klicks war der Kommentator zu erschöpft, um seine netzdemokratischen Rechte voll auszuschöpfen, eine Wende wäre aber möglich gewesen). Die ÖVP richtete eine Facebook-Gruppe ein, die so viele Unterstützer fand, wie die Gruppengründer gemeinsam Freunde hatten. Und die SPÖ dachte über eine Volksbefragung zur Nutzung von Plätzen ingesamt nach. Nach Wiener Vorbild böte sich die Frage an: „Finden Sie es gut, dass Plätze genutzt werden?“

Dass aus all dem nichts wurde, ist den Grünen zu verdanken. Die haben vorgerechnet, dass es in der Stadt eh schon 102 Gastgärten gibt. Zu danken ist auch dem Trachtenschlössl: Der Traditionsbetrieb hat mit seinem Nein zu den Expansionsplänen eines Hauptplatzwirtes unmittelbar vor seiner Auslage den Gastgärtnern für heuer endgültig den Garaus gemacht. Danke, Volkskultur.

Thomas Wolkinger leitet die Redaktion des steirischen Falter


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