Doris Knecht

Bisschen flandern schadete nie

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 14/10 vom 07.04.2010

Das Landleben wird kurz unterbrochen. Wir müssen jetzt (was natürlich längst Geschichte ist, wenn Sie das lesen), aber wir müssen jetzt zum Fehlfarben-Konzert. Der Lange würde lieber am Land bleiben und die Fehlfarben ausnahmsweise auslassen, er hat sie schon öfter gesehen. Aber ich noch nicht. Mir gefallen ja die Fehlfarben erst seit den letzten zwei Alben so richtig; ja, sicher, ich respektiere die immense Bedeutung der frühen Fehlfarben für die deutsche Pop- und Dichtkunst, aber die späten Politdisco-Fehlfarben sind mir inhaltlich und musikalisch eindeutig näher. Vor allem das Konzept des misanthropischen exjungen Herrn, das Peter Hein auch in seiner Freizeit mit viel Leben erfüllt, das irgendwie auch meinen generationstypisch schrumpelnden Optimismus-Quotienten legitimiert.

Obwohl, stimmt so nicht. Tatsächlich hat mein vor einiger Zeit gefasster Entschluss, in heiterer Gelassenheit und, zur Vorbeugung von Böse-Hexe-Falten, mit stets nach oben zeigenden Mundwinkeln durchs Dasein zu schwingen, durchaus Fakten geschaffen, dieses amateurbuddhistische Tralala hilft ja manchmal tatsächlich.

Er wird nur durch die Kinder, deren Mundwinkel derzeit fast ständig vertikal abwärts weisen, starken Erschütterungen ausgesetzt. Permanent wird man brutal aus seinen heiter-gelassenen Gedankengängen geschupft, z.B. von einem Kind, das zornigen Antlitzes dazu auffordert, gefälligst etwas suchen zu gehen, das genau vor seiner Nase liegt oder endlich einmal etwas zu kochen, das die Würde eines Kindes nicht verletzt.

Das torpediert meine edlen Vorsätze und begünstigt meine Heinisierung; noch ein Grund, kurz aus der österlichen Landidylle zu desertieren, also das arschkalte Waldviertel und seine der nationalen Grünwerdung tüchtig nachhatschende Natur gegen die blühende Großstadt eintauschen. Denn dort auf der Post sollte das von den Kindern seit Monaten bestellte Ostergeschenk liegen, ohne das der Osterhase besser nicht in unserer Wiese aufkreuzen sollte: die aktuelle Verwirrung der Spielzeugindustrie, in China von kleinen Kinderhänden aus vergifteten Weichmachern hergestellte Wackelkopftierchen, und falls Sie nicht wissen, was das jetzt wieder sein soll, fragen Sie nicht, denn entweder lernen Sie es eh noch von Ihrer Brut, und das wird früh genug sein, oder es gehört zu jenen Erfahrungen, wo es voll okay ist, wenn man sie nicht macht.

Während der Lange und ich den Abend bei den Fehlfarben verjuxen, bleiben unsere Gäste mit den Mimis am Land. Die Gäste haben drei Buben und durften kürzlich erleben, wie zwei davon im Nebenzimmer grundlos christliche Ostergesänge anstimmten. Mutter und Vater erkannten schockiert: Mein Gott, wir ziehen die Flanders groß. Wo ich sage: Ein bisschen mehr gütelnde Flanderei würde mich bei meiner Brut momentan nicht beunruhigen.

Peter Hein ist in Wirklichkeit übrigens auch total nett.


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