Alice im Bilderland, Bismarck in Diebeshand

Lexikon | Matthias Dusini | aus FALTER 15/10 vom 14.04.2010

Das Kunsthaus Wien zeigt Fotografien, die mehr waren als Bilder

Anders als Österreich finanziert die Schweiz gleich mehrere Fotomuseen, die die Bedeutung dieses modernen Mediums vermitteln.

Das Musée de l’Élysée, Lausanne, konzipierte eine Wanderausstellung, die nun im Kunsthaus Wien Station macht. Darin geht es um den umstrittenen Status von Bildern, die nicht im geschützten Raum von Museen, sondern in Massenmedien zirkulieren.

Die Ausstellung „Kontroversen – Justiz, Ethik und Fotografie“ beginnt mit den Anfängen der Fotografie, als Gerichte klären mussten, ob Lichtbilder eigenständige Werke von Künstlern sind und damit dem Schutz des Urheberrechts unterliegen. Napoléon Sarony zog 1883 vor Gericht, als das Porträt Oscar Wildes ohne seine Zustimmung reproduziert wurde.

Henri Cartier-Bresson wird 100 Jahre später seine Agenturfotos von den Kunden zurückfordern; die an Zeitungen verschickten Abzüge waren begehrte Sammlerstücke geworden. Die Abdrücke der Wirklichkeit werfen aber nicht nur aufgrund ihres ökonomischen Werts juristische Fragen auf. Wie können sich Menschen vor dem voyeuristischen Blick der Kamera schützen? Max Priester und Willy Wilcke landeten im Knast, nachdem sie in Otto von Bismarcks Sterbezimmer eingebrochen waren und versucht hatten, das Sensationsfoto des toten Fürsten zu verkaufen.

Der Päderastievorwurf ist fast ebenso alt wie die Fotografie selbst. Er traf den Hobbyfotografen Lewis Carroll, der 1858 die kleine Alice Liddell als halbnacktes Bettelmädchen ablichtet. Jock Sturges musste sich 1989 für die Bilder von Nudistenkindern rechtfertigen.

Einige Beispiele thematisieren die Darstellbarkeit der Shoah. Zu sehen ist etwa das berühmte Foto, das ein Häftling 1944 in Auschwitz-Birkenau machte, allerdings nur in einem digitalen Abzug. Ein Drittel der Werke ist in einer digitalen Reproduktion zu sehen. Der Katalog ist nur in der französischen Originalausgabe zu haben.

Kunsthaus Wien, bis 20.6.


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