Neu im Kino

Iran intim: „Im Bazar der Geschlechter“

Lexikon | aus FALTER 15/10 vom 14.04.2010

Doppelmoral ist die Frucht einer jeden Religion. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher, als in deren Umgang mit dem Geschlechtsleben insbesondere von Frauen. Dieses wird nach Kräften geleugnet, unterdrückt, reglementiert, wofür ein erstaunliches Repertoire unterschiedlicher Strategien zur Verfügung steht. „Der Islam“, sagt ein alter Mullah mit schelmischem Grinsen, „hat an alles gedacht.“

Sudabeh Mortezai, österreichische Filmemacherin mit iranischen Wurzeln, sucht mit ihrer Dokumentation „Im Bazar der Geschlechter“ die in der Islamischen Republik Iran gängige Praxis der sogenannten Zeitehe zu ergründen. Diese geht, der schiitischen Lesart zufolge, auf den Propheten Mohammad persönlich zurück, der diese nicht nur selbst praktizierte sondern Pilgern und sonstigen Langzeitreisenden zur Nachahmung empfahl: „Jene Frauen, die Ihr für sexuellen Genuss benutzt, zahlt ihnen Ihr Brautgeld als Lohn.“ In den Heiratsbüros werden knallharte Deals geschlossen: Sex gegen Geld. Zeitehe für ein Jahr: Mann zahlt Frau fünf Goldmünzen, ein Geistlicher fertigt gegen Gebühr eine schriftliche Beglaubigung aus, fertig. Trotzdem sind die Frauen schon von vornherein immer im Nachteil: Ein verheirateter Mann darf seine Zweitfrau auf Zeit haben, ganz legal, ohne dass seine Ehefrau auch nur davon zu wissen braucht. Frauen brauchen die Erlaubnis ihres Vaters, um eine Zeitehe einzugehen, außer wenn sie, wie ein Ayatollah erklärt, „Second Hand“ sind – lies: gebraucht, also ohne Wert. Schade nur, dass der Film formal ein wenig unentschlossen wirkt, mal auf Reportage, dann wieder ohne Not auf inszenierte Szenen setzt, sich zwischendurch mit beliebigen Straßenszenen aufhält, sein Thema fast aus den Augen zu verlieren scheint – und zum Schluss einige seiner stärksten Momente findet. MO

Ab Fr in den Kinos (OmU im Gartenbau und Top)


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