Tanz Kritik

Pas de deux mit Rauchpause

Lexikon | Thomas Wolkinger | aus FALTER 15/10 vom 14.04.2010

Als „Ballet brut“ hat das Nature Theatre of Oklahoma vor einigen Jahren seinen Versuch bezeichnet, tänzerisch Gewinn aus dem Alltäglichem zu ziehen. Durchaus „brut“, im Sinn von edelherb, geriet auch der Versuch des Theater im Bahnhof (TiB), mittels Selbsterforschung sowie unter Zuhilfenahme einer Reihe automatistischer Kreativtechniken zu so etwas wie ursprünglichen Texten und Choreografien zu gelangen, die sich zu einem Tanzabend zum Thema „Der perfekte Tag“ gruppieren ließen. Monika Klengel hat Regie geführt, Milli Bitterli – als einzige professionelle Tänzerin im Team – den „Bewegungsimpuls“ beigesteuert. Herausgekommen ist eine kurzweilige Abfolge getanzter, gesummter, gesungener und gesprochener Soli der sieben mit Tüllröcken und Knieschützern bewehrten TiB-Nichttänzerinnen und -tänzer, die dort am intensivsten wirken, wo sie sich den Charakter des ursprünglichen Improvisierten, des neugierig dem Körper Abgerungenen, des frei Assoziierten bewahrt haben und nicht – wie in wenigen Momenten – in inszenierter, allzu ironischer oder gar slapstickhafter Geste erstarrt sind.

Besonders geglückt: Juliette Eröds Einstiegssolo, in dem sie, ausgehend vom Wunsch, Cello spielen zu können, über Wachauer Marillen bis hin zu Sex mit größenwahnsinnigen Männern fantasiert. Oder die langgezogenen Raucherinnen-Pas-de-deux im Sitzen von Eva Hofer und Elisabeth Holzmeister, die zu Hofers Monolog über das Glück („Ich möchte eigentlich ganz was anderes sein“) Tracy Chapman in Endlosschleife singt. Oder die beiden Gruppenchoreografien, deren zweite, ganz am Ende, zu Lou Reeds „Perfect Day“ tatsächlich einen kurzen, einen schwebenden Moment außerhalb der Zeit erschafft. Weniger edelherbes „Ballet brut“, mehr „La Boum“, zartbitter.

TTZ Graz, Fr, Sa, Do 20.00


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