Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 15/10 vom 14.04.2010

Die wunderschöne Musik des Masterplans

Frau A. geht an einem Sonntagvormittag durch Kapfenberg spazieren, kommt zufällig am Bahnhof vorbei, sieht einen Zug nach Graz, steigt ein und schaut mal, was passiert. Sie hat natürlich keinen Mantel dabei, und in Kapfenberg wohnt sie auch nur zufällig, weil es da mal Aussicht auf einen Job gab, ist aber nix draus geworden, und jetzt sitzt sie oft einfach da und schaut den Zügen zu, was sie aber eh gerne macht. Dem interessierten Mitreisenden ist schon längst klar geworden, wofür der AMS-Berater der freundlichen Frau auch nur zwölf Minuten gebraucht hat: Frau A. braucht einen Masterplan! Der interessierte Mitreisende hat auch einen: Er wird einen bahnbrechenden (bahnbrechend ist ein lustiges Wort, wenn man mit einem Kater in den ÖBB sitzt) Text über den Widerspruch zwischen den rapide sinkenden Gestaltungsmöglichkeiten der Staaten und der Kommunen auf der einen Seite und dem Aus-dem-Boden-Schießen von Masterplänen auf der anderen Seite schreiben. Masterplan Stadtpark, Masterplan Annenstraße, Masterplan Friedhof, Masterplan Hauptbahnhof, Masterplan Umschulung und so weiter. Dieses schöne Wort gibt uns das Gefühl, dass wir nichts dem Zufall, Glück oder dem lieben Gott überlassen brauchen. Der Zufall hat zwar immerhin STS, die Münchener Weißwurst, Gummi, Teflon und Mikrowellen hervorgebracht, aber auch Tsunamis und Frau A.s Verkühlung, um nur einige Beispiel zu nennen. Auch ein Wein für weniger als sieben Euro ist Glückssache.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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