Kritik

Der nächste König kommt bestimmt: „Richard 2“

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 16/10 vom 21.04.2010

Kaum ist der Vorgänger ausgeschaltet, fürchtet man sich schon vor demselben Schicksal – wer will mir nachfolgen, wer hilft ihm dabei? Man sieht nur noch Speichellecker und Verräter. Am deutlichsten hat das Shakespeare beschrieben, am klarsten in seinem Königsdrama „Richard II.“. Gerade am Burgtheater in einer leicht angestaubten Inszenierung (Peymann 2000) zu sehen, nimmt sich nun auch das Tag des Stoffes an.

Regisseur Gernot Plass hat sich eine Fleißaufgabe gestellt und die Geschichte um den eitlen König, der von dem um sein Erbe geprellten Heinrich Lancaster entthront und letztlich mittels nur allzu williger Helfer ermordet wird, nicht nur modernisiert („Chef“ und „Boss“ statt „Sire“ oder „Majestät“), sondern sogar in eigene Blankverse übertragen. Abgesehen davon, dass er dazu offenbar den Kurs „Wie sage ich’s ordinär“ an der Volkshochschule Vulgarien besucht hat, ist ihm das famos gelungen. So darf er den Abend auch „Richard 2 oder Jetzt schaun wir mal, wer gleich noch steht“ nennen.

In Alexandra Burgstallers erschreckend einfachem Bühnenbild – eine Leiter, sieben Sessel, Plastikplanen an Laufschienen – agiert ein bravouröses Ensemble, allen voran die Antagonisten Gottfried Neuner (Richard) und Julian Loidl (Heinrich). Die anderen fünf teilen sich geschmeidig die übrigen Rollen von Ratgebern, Soldaten, Gärtnern und adliger Verwandtschaft (hier wohl: Mischpoche). Große Heiterkeit wechselt mit beklemmenden Szenen von Heimtücke und Mord. Nicht nur diese Wechsel, der ganze Text wird in rasendem Tempo vorgebracht. Das ist manchmal zu hastig, meistens aber atemberaubend, und wäre es nicht immer ganz so derb, würde man um den ermordeten Richard wirklich Tränen vergießen. Ziemlich sicher derzeit die beste Shakespeare-Aufführung der Stadt.

Tag, Do, Fr 20.00 (bis 10.6.)


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