Kunst Kritik

Pionier der Videokunst, Meister der Sozialstudie

Steiermark | aus FALTER 16/10 vom 21.04.2010

Mit ihrer Retrospektive auf das Werk von Darcy Lange (1946–2005) hat die Camera Austria die kunsthistorisch wohl interessanteste Ausstellung zu den diesjährigen Galerientagen beigesteuert. Lange darf nämlich als mittlerweile so gut wie vergessener Pionier der Videokunst bezeichnet werden. Anders als andere Väter des Formats hat er sich dabei aber nie bei der kunstigen Reflexion des Mediums im Medium aufgehalten, sondern es gezielt als Mittel zur Dokumentation sozialer Verhältnisse eingesetzt. Ganz, als wären Videokunst und Soziologie, auch sie in den 70er-Jahren auf bestem Weg zur Leitdisziplin, untrennbar eins. 1971 beginnt der ausgebildete Bildhauer Lange in englischen Fabriken und Bergwerken zu filmen. Die daraus entstandenen „Work Studies“ sind als Videos, zusätzlich aber auch noch auf 16 mm und auf Schwarzweißfotos festgehalten. Dass er sich später auf das Video konzentriert, mag paradoxerweise mit den damals fehlenden Bearbeitungsmöglichkeiten des Videomaterials zusammenhängen.

Denn Lange wollte die Realität möglichst pur aufzeichnen, konzentrierte sich auf die Abläufe im Walzwerk oder bei der Lochkartenverarbeitung und hielt diese mit der Kamera fest, ohne Schwenk, Hintergrundstimme, Schnitt, ohne Tricks. Auch seine Dokumentationen zum Befreiungskampf der Maoris in seiner Heimat Neuseeland und seine „Work Studies in Schools“ vertrauen auf die Macht des Faktischen. Für Letztere filmt Lange in unterschiedlichen Schultypen und Unterrichtsfächern, deckt dabei Klassenunterschiede im doppelten Wortsinn auf und lässt die Filme anschließend von den Gefilmten diskutieren: vor der Kamera, womit er die Selbstreflexion des Mediums in der Selbstreflexion der darin Dargestellten aufgehen lässt. Sozialer kann ein Künstler gar nicht sein. ut

Camera Austria, bis 27.6.


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