Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 16/10 vom 21.04.2010

Das Prinzip Bahnhofsbuchhandlung

Züge und Bahnhöfe waren letztens (wegen Eyjafjallajökull) schwer überfüllt, man musste zusammenrücken und körperliche Nähe ertragen. Man kann das okay finden, aber generell muss man sagen, dass Bahnhofsbuchhandlungen schlimme Orte sind! Man merkt an so ziemlich allem (obwohl die Verkäufer eh freundlich sind), dass Kundenbindung und Emotion überhaupt keine Rolle spielen, weil eh alle wissen, dass man nur da ist, weil man zum Zug muss, und nie wieder kommen wird, außer man muss noch mal zum Zug. Vertrauen ist auf Bahnhöfen ein Fremdwort, im Gegensatz zu den Toiletten der Magistratsabteilung, wo man seine 20 Cent selbst entrichtet, ohne Kontrollorgane oder sonstwas. Aber wurscht! Die Auswahl der Bahnhofsbuchhandlungsliteratur: Neben den Dauerbrennern Hitler und Erotikroman kann man hier auch der öden Fratze der Esoterikszene beim Wachsen zuschauen. Und die ist ein Ärgernis. Sogar Menschen, die auf den ersten Blick vernünftig und gewitzt erscheinen, faseln in letzter Zeit irgendwas über Mutter Erde, die sich durch Eyjafjallajökull gegen den Missbrauch wehrt, dass man Respekt vor den Geistern der Natur haben sollte und so weiter. In der Bahnhofsbuchhandlung wird zusammengestellt, was zusammengehört: Tantraratgeber (wie der buddhistische Mönch beim Sex das Sekret der Frau durch seine Harnröre aufsaugt), Hitlerbiografien, Ratgeber für Sinnsucher, alles hat mit Harmonie, Einheit und freier Entfaltung zu tun. Und im Zug steht eh keiner auf.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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