Kommentar

Krankes System: Die jungen Ärzte werden ausgebeutet

Jungmediziner

Falter & Meinung | Ingrid Brodnig | aus FALTER 17/10 vom 28.04.2010

Sie verdienen schlecht, obwohl sie ein langes Studium hinter sich haben, sie müssen Nacht- und Wochenenddienste machen und verbringen mitunter 70 Stunden pro Woche im Spital. Heimische Turnusärzte sind so ziemlich das letzte Glied in der Krankenhaus-Nahrungskette. Umso besser ist es, dass Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) nun über diese Zielgruppe spricht. Sie will die Ärzteausbildung reformieren, statt dem dreijährigen Turnus könnte es künftig ein Praxisjahr kurz vor dem Abschluss geben.

Karl will damit den heimischen Ärzteberuf attraktiver machen. Ihr Vorstoß ist bisher vage. In einem Punkt hat sie aber Recht: Der Staat Österreich bildet viele Mediziner aus, den Absolventen werden dann allerdings etliche Steine in den Weg gelegt. Allein beim Turnus beträgt die Wartezeit im Schnitt ein Jahr. Viele tun sich das gar nicht erst an, sondern gehen ins Ausland. Deutsche Krankenhäuser werben gezielt österreichische Jungmediziner ab.

Doch der Vorschlag der Ministerin greift zu kurz. Die Ausbildungsdauer ist nur ein Detail, mindestens ebenso wichtig ist, dass die Jungärzte eine angemessene Bezahlung bekommen und im Krankenhaus auch genügend lernen. Nur Blutabnehmen und Spritzensetzen reicht nicht.

Derzeit basiert aber das gesamte Spitalssystem darauf, dass Turnus- und Assistenzärzte Billigarbeitskräfte sind – zum Teil sogar billiger als Krankenschwestern. Auf diese Weise finanziert der Staat seine vielen Spitäler. Kurz gesagt werden die Jungmediziner zugunsten des Gesundheitssystems ausgebeutet. Wer die Zufriedenheit beim Medizinernachwuchs ernsthaft verbessern will, müsste zuerst hier ansetzen.


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