Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 17/10 vom 28.04.2010

Deine Augen machen mich immer so sentimental!

Jetzt, wo es Fahrkartenautomaten in den Straßenbahnen gibt, ist unser Leben um ein Vielfaches leichter, doch wie sagte ein großer Grazer Szenewirt (nicht Rene J.): „Wer krank ist, hat ein Problem, doch wer gesund ist, hat deren viele!“ So tauchen neue Fragen auf, zum Beispiel jene über die bedruckten T-Shirts. Sie scheinen – darin den Wahlplakaten, den Anweisungen des Magistrats und der Inhaltsangabe auf dem steirischen Kürbiskernöl nicht unähnlich – dafür da zu sein, gelesen zu werden. Aber! Auch dann, wenn es sich um komplexe Satzkonstrukte (wie: Der Anarchismus ist der wahre Kommunismus sowie der Faschismus die Demokratie, smash it) handelt und man dafür zehn Sekunden oder länger auf ein Dekolleté schauen muss? Blickrichtungen sind überhaupt ein Thema. Geht man mit einem alten Freund ein Bananensplit essen, was kann es dann Schöneres geben, als nebeneinander vor einer Fensterscheibe zu sitzen und gemeinsam den vorbeiverkehrenden Verkehr zu beobachten. Es ist nur so, dass hierzulande ein wahrer Kult des Gegenübersitzens herrscht, und wer sich daran nicht hält, gilt schnell als arrogant, scheu oder beziehungsunfähig. In Buenos Aires ist das ganz anders, aber dort laufen die Menschen auch nicht in Pyjamas auf der Straße herum und überhaupt sehr selten mit bedruckten Textilien, und deswegen schauen sie sich nur in die Augen und Ausschnitte, wenn es dafür einen speziellen Grund gibt. Wie ist es schön dort.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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