Fragen Sie Frau Andrea

Scherzartikel: das Der, das Die und die Das

Kolumnen | aus FALTER 17/10 vom 28.04.2010

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

wer bestimmt die Artikel von Hauptwörtern nichtösterreichischen Ursprungs? Wie ist das zum Beispiel mit E-Mail, Event, Browser, ash cloud, pre-electoral havoc und so weiter?

Bitte um Hilfe,

Willie Schenz,

per Gesichtsbuchnachricht

Lieber Willie,

an der Festlegung der Artikel zu neu eingeführten Begriffen sind weder Behörden noch Institute beteiligt. Sie werden durch Sprachgebrauch etabliert oder nach willkürlicher Bestimmung durch Autoren in Umlauf gebracht. Das Phänomen des „bestimmten Artikels“ ist selbst Ergebnis einer sprachlichen Entwicklung.

Der US-amerikanische Linguist Joseph Greenberg beschreibt diese Vorgänge als „Zyklus des bestimmten Artikels“. Nach seiner Theorie entwickeln sich Artikel aus Demonstrativpronomen (hinweisenden Fürwörtern), Wörtern also, mit denen ein Sprecher auf einen Gesprächsgegenstand im Raum verweist, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Im Deutschen (das wie viele indoeuropäische Sprachen ursprünglich keine Artikel kannte) waren das die Pronomen dër, diu und daz. Diese haben sich, ganz im Einklang mit Greenbergs Theorie, zu generischen (geschlechtsbestimmenden) Artikeln weiterentwickelt, zunächst sowohl in bestimmten als auch in unbestimmten Zusammenhängen.

Als frühes Zeugnis des Gebrauchs von Artikeln gilt Wulfilas gotische Bibelübersetzung – sie imitiert die bestimmten Artikel des griechischen Ausgangstextes. Unsere Begegnung mit Begriffen wie E-Mail (Elektropost), Event (Herauskommen), Browser (Abgraser), ash cloud (Aschenwolke), pre-electoral havoc (Vorwahlverrüstung) führen auch zu Artikelisierungen. Nicht immer sind diese eindeutig, wie der Streit um die E-Mail und das E-Mail zeigt. Der Browser verdankt seinen männlichen Artikel wohl der Gewohnheit Deutschsprechender, die Endung auf „-er“ eher maskulin zu deuten.

Unterschiedliche Sprachrealitäten haben dazu geführt, dass Deutsche die Cola trinken, Österreicher das Cola. Die einen haben den braunen Zuckersprudel nach dem Vorbild der französischstämmigen Limonade gegendert, die anderen nach dem des doch sehr österreichischen, aber zutiefst sächlichen Kracherls.


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