Kritik

Panorama des Schmerzes: Loher im Volkstheater

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 18/10 vom 05.05.2010

Die Stücke der deutschen Dramatikerin Dea Loher sind moderne Passionsspiele; ihren Figuren bleibt wenig erspart. Die Kumulation von Unglück in ihrem vorletzten Drama „Das letzte Feuer“ erinnert fast schon an das radikale Theater der Grausamkeit der früh verstorbenen Sarah Kane: Rund um den Tod eines achtjährigen Buben, der von einem Auto überfahren wird, entwickelt Loher ein Panorama des Schmerzes. Die direkt oder indirekt an dem Unfall beteiligten Personen werden von Trauer und/oder Schuldgefühlen, aber auch von schweren Krankheiten (Alzheimer, Brustkrebs) gepeinigt; Beziehungen gehen auseinander oder werden überstürzt eingegangen; am Ende stehen Mord und Wahnsinn, Verzweiflung und Selbstverbrennung. Uff.

Das 2008 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete und in der Kritikerumfrage von Theater heute zum „Stück des Jahres“ gewählte Stück ist als Mischung aus Dialogen und epischen Passagen angelegt. Wobei die Autorin ausdrücklich festhält, dass letztere nicht chorisch gesprochen werden sollen; sie wird sich etwas dabei gedacht haben. Georg Schmiedleitner, Regisseur der österreichischen Erstaufführung, hält sich daran nicht; auch er wird sich etwas dabei gedacht haben. Jedenfalls denkt man bei einem Chor auf der Bühne gleich an die griechische Tragödie, wo die Menschen ganz der Willkür des Schicksals ausgeliefert sind. Das Leid aber, vom dem Loher berichtet, ist von Menschen gemacht.

Ob es also am Chor liegt, wenn diese Aufführung nicht wirklich überzeugend wirkt? Mag sein. Auch das seltsame Bühnenbild – ein Kinderspielplatz im Großformat – und die unpassend jazzige Musik tragen das Ihre dazu bei. Aber wahrscheinlich ist die Antwort viel einfacher: Für Kunststücke wie dieses ist das Volkstheater das falsche Haus; es kommt dann meistens nur Mittelmaß heraus.

Volkstheater, Mo, Di, Do 19.30 (bis 20.6.)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige