Neu im Kino

Oliveiras „Eigenheiten einer jungen Blondine“

Lexikon | Michael Omasta | aus FALTER 18/10 vom 05.05.2010

Nur zu, erzählen Sie!“, fordert die nicht mehr ganz junge Frau am Fensterplatz ihren Sitznachbarn auf, während der Schnellzug durch die Landschaft braust. Denn kaum hat Macário sich an sie gewandt, zögert er auch schon, weiter über das zu sprechen, was ihm passiert ist. Nach einigem Stocken vertraut er der Unbekannten aber doch seine Geschichte an.

Sogleich springt der Film zurück nach Lissabon, das unzweifelhaft „heutig“ ist und dem Heute dabei ganz weit entrückt. So wie Macário, der eine Stelle als Kontorist im Tuchgeschäft seines reichen Onkels antritt, Luisa, die junge blonde Frau am Fenster gegenüber, anschmachtet, so schmachtet man nur in der Erinnerung. Oder vielleicht im 19. Jahrhundert, in dem die Geschichte des portugiesischen Dichters Eça de Queiroz spielt, nach der Manoel de Oliveira sein jüngstes Meisterwerk, „Eigenheiten einer jungen Blondine“ (Original: „Singularidades de uma rapariga loura“), gedreht hat.

Man darf sich nicht täuschen lassen: weder von der hauchdünnen Geschichte noch von den erlesenen Dekors und den höflich erstarrten Umgangsformen, welche die Personen hier pflegen. Es ist ein radikaler Film, den der mittlerweile 101 Jahre alte Regisseur da vorlegt: radikal in seiner Genauigkeit, radikal in seiner Schnörkellosigkeit (Laufzeit: 63 Minuten), radikal in seinem Blick auf den kleinen Spießer, dessen „große Liebe“ sich, all seinem Schmachten zum Trotz, nicht erfüllen wird. Macário, der „sentimentale Buchhalter“, wie ihn sein Onkel einmal nennt, versteht bis zum Schluss nicht, dass man nicht Buch halten kann über sein eigenes Leben.

„Eigenheiten einer jungen Blondine“ wird vom Stadtkino zusammen mit „Le Streghe“ – Text von Cesare Pavese, Film von Jean-Marie Straub – in einem Programm gezeigt.

Ab Fr im Stadtkino Wien (OmU)


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