Musiktheater Kritik

Dem Andenken eines narzisstischen Engels

Steiermark | Herbert Schranz | aus FALTER 18/10 vom 05.05.2010

Johannes Erath umrahmt seine Inszenierung von Alban Bergs Opernfragment „Lulu“ (1934) mit Platteneinspielungen von Bergs Violinkonzert (1935). Die Szenen zu Beginn der Oper und gegen deren Ende zeigen die großartige Lulu des Abends, Margareta Klobucar, jeweils einsam, ohne die Objekte ihrer hilflosen Selbstbespiegelung, als die die zahllosen Exemplare ihrer Männerwelt fungieren.

Alban Berg hatte in seinem eigenen Todesjahr 1935 die Arbeit am 3. Akt von „Lulu“ unter dem Eindruck von Manon Gropius’ frühem Tod unterbrochen und „Dem Andenken eines Engels“ sein Violinkonzert gewidmet. Mit Lulu konfrontiert, gemahnt diese Musik, eher an Manons Mutter Alma Mahler-Werfel. Biografische Entsprechungen zwischen ihr und Lulu lassen sich eher aufweisen als solche zu Manon. Doch verweist die Überblendung des „Engels“ der Gräfin Geschwitz (Iris Vermillion) – Lulus Verehrerin – mit Alban Bergs „Engel“ Manon Gropius auf die Menschenliebe, die Berg seiner Lulu gegen alle unmittelbare Vernunft in der Oper widerfahren lässt. Lulu ist eine selbst gemordete Männermörderin.

Mit dem romantischen Gestus der Schellackaufnahme – ist es die legendäre, momentan vergriffene Einspielung von Louis Krasner unter Anton Weberns Dirigat? – setzte Erath aber einen schroffen Gegensatz zur Lulu-Musik, wie sie Johannes Fritzsch leitete. Zwar machte dieser mit den Grazer Philharmonikern die Zwölftonmusik leicht hörbar, aber deren expressionistische Hochspannung neutralisierte sich dabei. Das Spannungsmoment wurde den fast durchwegs in allen Rollen debütierenden Sängern überantwortet – bemerkenswert Ashley Holland (Dr. Schön), Herbert Lippert (Alwa) und Konstantin Sfiris (Schigolch) – sowie der fantasiereich konzentrierten Regiearbeit Johannes Eraths.

Oper Graz, Sa, Mi 19.30


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