Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das beste Karl-Marx-Hof-Museum der Welt der Woche

Feuilleton | Jan Tabor | aus FALTER 18/10 vom 05.05.2010

Der Zukunft getreue Kämpfer

Wer von der Ausstellung „Kampf um die Stadt“ im Künstlerhaus nicht genug bekommen hat, der kann zum Karl-Marx-Hof pilgern, wo gerade ein neues Museum eröffnet wurde. Dort wird der Schau-Kampf fortgesetzt. Nicht so ideologisch verschwommen wie in der Wolfgang-Kos-Superschau. Sondern präzise, verständlich, einsichtig.

Am 1. Mai im Karl-Marx-Hof: ein Ort des himmlischen Friedens. Aus den Höfen sind grüne Parks geworden, die Bäume sind mittlerweile 80 Jahre alt. Immer mehr Mieter wählen die FPÖ. Der kilometerlange Komplex ist die größte Wohnhausanlage der Stadt – und eines der weltweit größten Museumsexponate.

Drinnen, im Waschsalon 2, riecht es angenehm nach Kochwäsche. Von oben tönt es voll Zuversicht: „Die Arbeit, sie bewegt die Welt!“ Auf dem Dachboden, dort, wo früher das Badewasser erwärmt wurde, klingt es pathetisch: „Wir sind der Zukunft getreue Kämpfer, wir sind die Arbeiter von Wien.“

Man sitzt vor einem Screen mit Filmausschnitten aus der hohen Zeit der Wiener Sozialdemokratie wie vor einem Altarbild. Was für prachtvolle Massenaufmärsche! Was für ein Elan und Kampfgeist! Ein aufgeweckter Bub singt begeistert mit, alle Liedtexte kennt er auswendig. Er ist wohl einer der letzten aufrechten Sozialdemokraten.

Einen Stock tiefer, im ehemaligen Gemeinschaftsbrausebad, befindet sich das eigentliche Museum. Erstaunlich, welch seltene, mitunter seltsam anmutende Erinnerungsschätze die Gründer des Museums, Lilli und Werner Bauer, zusammentragen konnten. Bewundernswert die Gestaltung des neuen Museums: Mit einem sozusagen proletarisch bescheidenen Budget ist es Peter Achhorner und den h-hoch-t-architekten gelungen, den einstigen Waschsalon der Proletarier in einen warmen, wahren Tempel des Austromarxismus zu verwandeln.

Der Karl-Marx-Hof funktioniert. Der Waschküchengeruch ist echt. Das Pathos des Roten Wien auch.


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